Geheimnisse aus der Vergangenheit

 
 
Mick sass auf einem Stuhl und dachte an den Tag zurück, an dem alles angefangen hatte.....
 
Es war an einem Samstagmorgen, als das Telefon klingelte. Mick sass am Küchentisch, las die Zeitung und trank seinen Kaffee. Er hob den Hörer ab und war erfreut, die Stimme von Sam zu hören. Sam, eigentlich Samantha, war eine alte Kollegin von Mick aus Polizeizeiten. Und eigentlich waren sie eine Zeit lang mehr als nur Arbeitskollegen gewesen. Mick freute sich jedenfalls immer, Sams Stimme zu hören. Doch an diesem Morgen merkte er sofort, dass etwas nicht stimmte, als Sam anrief. Sie war ziemlich niedergeschlagen, weil ihr Arbeitskollege vor wenigen Tagen bei einer verdeckten Ermittlung, in der es um einen Mafiaring ging, ums Leben gekommen war. Sam machte sich deswegen schwere Vorwürfe und ihr Chef hatte sie „zwangsbeurlaubt“, damit sie mal auf andere Gedanken kommen sollte. Sie wollte Mick darum bitten, ein paar Wochen bei ihm und Joey zu wohnen, um endlich aus L.A. wegzukommen, wo sie alles an ihren Partner erinnerte.
Mick konnte Sams Bitte natürlich nicht abschlagen, denn er wusste nur zu gut, wie es war, seinen Partner zu verlieren. Auch er hatte diese schmerzvolle Erfahrung machen müssen.
Sam würde den nächsten Flug nehmen und schon am Abend ankommen. Wie lange sie bei Mick und Joey wohnen wollte, war noch unklar. Vielleicht ein paar Wochen, vielleicht auch länger. Mick hatte Sam jedoch zugesichert, dass sie so lange bleiben konnten, wie nötig, denn das Strandhaus war gross genug für alle.
 
Kurz nachdem Mick den Hörer aufgelegt hatte, kam Joey die Treppe hinunter. Mick konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als Joey die Treppe runter tapste, denn die Begleitung von Joey sah noch genauso verschlafen aus wie er selbst. Doch diese Begleitung war keine Frau, wie das früher oft der Fall gewesen war, sondern ein Hund. Joey hatte den Hund, damals noch ein Welpe, aus dem Meer gerettet. Er war gerade surfen, als er sah, dass jemand den kleinen Kerl einfach aus einem Boot warf. Doch glücklicherweise hatte Joey die Szene beobachtet und den Kleinen aus den Fluten gerettet. Seither waren einige Monate vergangen und der inzwischen ziemlich gross gewordene Golden Retriever war nicht mehr von seinem „Retter“ zu trennen.
 
„Morgen“, murmelte Joey und liess den Hund zur Balkontüre ’raus bevor er im Badezimmer verschwand. Mick sah dem Hund nach und musste an seine Kindheit zurückdenken. Sie hatten früher immer Hunde. Ja, so lange er denken konnte waren Hunde im Hause Barrett. Und wenn er ehrlich war, so waren diese Hunde immer auf Joey fixiert und liessen ihn immer links liegen. Mick musste lachen, doch dann verstummte er. Er musste an jenen Tag zurückdenken, als „Buddy“, so hiess der letzte Hund der Familie, gestorben war. Es war an dem Tag, als ihre Eltern ermordet wurden. Es war an einem 27. Juli. Joey war damals gerade 10 Jahre alt und er 20. Mike Johnson, so der Name des Mörders ihrer Eltern, hatte den Hund „nur so aus Spass“ erschossen, wie er später bei Gericht zu Protokoll gab. Seit diesem Tage ging Joey Hunden aus dem Weg. Mick hatte ihm später einmal einen Hund zum Geburtstag geschenkt, als er 13 war. Doch Joey hatte den Welpen auf den Arm genommen, war aus dem Haus gelaufen und hatte ihn einem kleinen Mädchen auf der Strasse geschenkt. Doch dieser kleine Hund, den er aus den Fluten gerettet hatte, hatte es geschafft, Joeys Herz zu erobern. Joey war damals die ganze Nacht aufgeblieben und der Welpe hatte auf seinem Schoss in eine Decke gewickelt geschlafen. Seither waren Joey und „Benjy“ unzertrennlich.
 
Benjy kratzte an der Türe und Mick liess ihn rein: „Na Kleiner, hast du Hunger? Na komm, ich geb’ dir was zu fressen“. Joey kam aus dem Badezimmer, liess sich auf das Sofa fallen, nahm eine Wolldecke und tat so, als wolle er wieder einschlafen. „Hey, komm schon Joey du Murmeltier, ich muss Dir was erzählen also penn’ nicht wieder ein!“. Doch damit bezweckte Mick nur, dass Benjy ebenfalls auf dem Sofa Platz nahm und beide keinerlei Anstalten machten, wieder aufzustehen. „Ach komm schon, nimm den Hund vom Sofa. Ich hab Dir schon Hundert Mal gesagt, der soll nicht auf das Sofa liegen! Joey!!!“- „Ja, keine Panik, ist ja schon gut. Wir stehen ja auf. Komm Hund, der alte Mick mag uns unseren Schlaf nicht gönnen.“
Als Joey zwei Tassen Kaffe intus hatte und einigermassen ansprechbar war, erzählte ihm Mick von Sams Anruf. Joey hatte nichts gegen ihren Besuch, doch Mick hatte auch nichts anderes erwartet.
 
Am Abend machten sich die beiden inklusive Hund auf den Weg zum Flughafen, um Sam abzuholen. Zuhause angekommen zeigte Mick Sam das Gästezimmer und liess sie alleine.
Mick sass auf der Veranda, als Sam hinauskam und sich zu ihm setzte. „Na? Wie geht es Dir“, fragte Mick. „Beschissen, wirklich beschissen.“ Sams Stimme versagte wieder und Tränen liefen über ihre Wangen. Mick nahm sie in die Arme und so sassen sie einige Zeit zusammen auf der Veranda.
In den nächsten Tagen unternahmen Mick und Sam viel zusammen und Joey musste amüsiert feststellen, dass sich die beiden noch immer ziemlich nahe standen. Er freute sich für seinen Bruder, denn Sam war wirklich eine tolle Frau. Und nach allem, was Mick durchgemacht hatte, hatte er es verdient, wieder einmal glücklich zu sein.
 
 
Es war an einem Freitagmorgen, als Joey auf dem Rückweg von seinem Morgenspaziergang mit Benjy den Briefkasten leerte. Er fand darin einen Brief vor, auf dem kindlich geschriebener Schrift „Für Joey“ stand. Jemand musste den Brief vorbeigebracht haben, denn er trug keinen Stempel. Joey machte den Brief sogleich auf und es traute zuerst seinen Augen nicht:
Hallo Joey. Wir wissen, wer du bist. Wir wissen, wo du wohnst. Wir wissen, was du tust. Und wir wissen, dass du nicht mehr lange leben wirst.
 
Joey dachte sich, dass das wohl nur ein übler Scherz war. Er hatte zwar keine wirklichen Feinde, aber es gab immer wieder Leute, die Joey vergraulte. Sei es, weil er einem Kerl die Freundin ausspannte oder ihn bei einem Surfwettbewerb auf die hinteren Plätze verwies. Also beschloss Joey, den Inhalt des Briefes für sich zu behalten und Mick nichts davon zu erzählen. Er kannte seinen Bruder, der bestimmt wieder eine Staatsaffäre daraus machen würde. Mick soll jetzt mal sein Glück geniessen, dachte Joey und ging ins Haus.
 
Auch als in den nächsten Tagen immer wieder solche Briefe eintrafen, dachte sich Joey nichts dabei. Als Mick ihn darauf ansprach, wer denn immer diese Briefe schicke, antwortete Joey nur grinsend: „Was für eine Frage! Verehrerinnen natürlich“.
 
Auch als die Drohungen deutlicher wurden, machte sich Joey keine ernsthaften Gedanken, wer der Verfasser dieser Briefe sein könnte. Und wenn er mal einen Gedanken daran verschwendete, dann fiel ihm einfach niemand ein, der solche Sachen tun würde. Klar, Mick und Joey hatten sich viele Feinde gemacht, aber warum sollten diese Leute Briefe schreiben, welche nur an ich adressiert waren? Also ignorierte Joey die Briefe und öffnete sie nicht einmal mehr
 
Am Wochenende darauf fand ein Surfwettbewerb statt, an dem Joey teilnahm und den ersten Preis gewann. Sam und Mick hatten ihn begleitet und Mick war mächtig stolz auf seinen kleinen Bruder, der ein wirklich genialer Surfer war. Als sie nach Hause kamen, wollte sich Joey gerade verabschieden und schlafen gehen, als ihm Mick und Sam mitteilten, dass sie am nächsten Tag für einige Tage verreisen würden. „Okay, aber füllt den Kühlschrank auf, bevor ihr geht“, sagte Joey grinsend und ging nach oben. Mick schaute ihm nach und sagte zu Sam: „Na, ein wenig mehr Anteilnahme hätte ich schon erwartet....“ – „Ich bin froh, wenn du mal abhaust“ schrie Joey noch zurück, bevor die Türe ins Schloss fiel. Mick schaute etwas verwirrt zu Sam und sagte: „Meinst du, der meint das ernst?“. Doch Sam lachte nur und strich ihm sanft über die Haare.
 
In der Nacht wurden Mick und Sam durch einen Knall geweckt und danach durch jämmerliches Gewinsel, welches aus dem Erdgeschoss ertönte. Mick nahm sogleich seine Waffe aus dem Nachttischlein, denn er hatte keine guten Erinnerungen an ungebetene nächtliche Besuche. Leise schlich er aus dem Zimmer und sah gerade noch wie sich Joey die Treppe hinunterstürzte. Er rannte seinem kleinen Bruder hinterher, der inzwischen durch die Terrassentür nach draussen gerannt war. Mick hatte ihn im Garten eingeholt. „Weg“, sagte Joey nur und rannte zurück ins Haus. Als Mick ebenfalls ins Haus zurückkehrte, sah er Joey und Sam am Boden kauern und zwischen ihnen Benjy. Plötzlich wurde Mick bewusst, was passiert war: Jemand war in das Haus eingedrungen und als der Hund wohl gebellt hatte, hatte der Einbrecher auf ihn geschossen. Joey wickelte eine Decke um das Tier, hob das blutende Bündel vorsichtig auf und ging mit ihm Richtung Haustüre. Er hatte kein Wort mehr gesagt und Mick sah ihm an, dass er Angst um seinen Hund hatte. Joey brachte den Hund zur Tierklinik.
 
Mick und Sam warteten in der Küche, bis Joey zurückkam. Als dieser ohne den Hund eintraf, machte sich Mick noch mehr Sorgen, doch Joey erklärte den beiden, dass der Arzt den Hund zur Aufsicht in der Klinik behalten wollte. Wortlos ging er daraufhin in sein Zimmer. „Hey Sam.... macht es Dir was aus, wenn wir ein paar Tage später wegfahren?“ war Micks erste Reaktion, nachdem er seinem kleinen Bruder lange nachgeschaut hatte, „...ich möchte Joey jetzt nicht alleine lassen...“ – „Hey, klar, verstehe ich doch. Ist kein Problem.“
 
Als Mick am nächsten Morgen an Joeys Zimmer vorbeikam, sah er, dass es leer war. Er hatte sich schon gedacht, dass sein kleiner Bruder wohl schon auf dem Weg in die Tierklinik war und wollte unten auf ihn warten. Als er die Zeitung holte, lag wieder einer dieser anonymen Briefe für Joey im Briefkasten. Doch Mick dachte sich nichts weiter dabei und legte den Brief in Joeys Zimmer. Joey kam kurz danach zurück und sagte nur, dass der Hund bis auf Weiteres in der Klinik bleiben musste. Er ging in sein Zimmer und sah den Brief auf dem Bett liegen. Er nahm ihn und ging hinaus in den Garten. Er hatte kein gutes Gefühl, als er den Brief öffnete und als er zu lesen begann, wusste er, dass das alles kein Spass mehr war:
Hallo Joey. Netten Hund hast Du. Wir hoffen, er wird wieder gesund, bevor es Dir so ergeht wie ihm.
Joey wurde kreideweiss im Gesicht. Er las den Brief immer und immer wieder. Tausend Fragen schossen ihm durch den Kopf: Wer wusste von den nächtlichen Geschehnissen? Wer hatte ihn auf dem Weg in die Tierklinik gesehen? Hatte Mick jemandem davon erzählt? Oder Sam? Wer war dieser anonyme Typ???
Joey war so in Gedanken versunken, dass er gar nicht bemerkte, dass Mick inzwischen hinter ihm stand. Mick hatte bemerkt, dass Joey wie erstarrt im Garten stand und wollte nachfragen, was los sei. „Joey! Hey, Joey. Hast du was an den Ohren? Joey?“ Erst jetzt bemerkte Joey seinen Bruder und drehte sich irritiert um: „Was hast du gesagt? Ist was?“ - „Hey, was ist denn los mit Dir? Du bist ja weiss wie ein Leinentuch! Ist was mit dem Hund? Nun red’ schon!“ - „Was hast du gesagt?“, murmelte Joey nur. Er zerriss den Brief, ging wortlos und ohne ihn anzuschauen an Mick vorbei wieder ins Haus, die Treppe hoch und in sein Zimmer. Mick wollte ihm nachgehen, doch er begegnete auf dem Weg dahin Sam, die gerade aus der Dusche gekommen war. „Na, was machen wir heute? Nach dieser Nacht könnten wir doch an den Strand gehen und einfach den ganzen Tag faulenzen. Na? Was meinst Du?“. Mick konnte diesem verführerischen Angebot nicht widerstehen und vergass völlig, dass er eigentlich zu Joey wollte. Sam und Mick packten ihre Sachen zusammen und Sam schrieb Joey einen Zettel, dass er doch nachkommen solle.
 
Als Sam und Mick am Abend gut gelaunt und eng umschlungen nach Hause kamen, sass Joey vor dem Fernseher. „Hey, warum bist Du nicht nachgekommen? War echt lustig!“, schrie Sam durch das Haus und Mick doppelte nach: „Ja, hast wirklich was verpasst. Wir ....“. Doch Joey hörte gar nicht mehr, was die beiden erzählten. In Gedanken ging er immer und immer wieder die Inhalte der Briefe durch. „Hey, Joey, was schaust du denn da?“. Joey zuckte zusammen, als sich sein Bruder neben ihm auf die Couch fallen liess. „Man, bist du schreckhaft!"“ lachte Mick, „hast wohl Verfolgungswahn?! War eigentlich der Typ von der Sicherheitsfirma heute da? Sam meinte, es wäre gut, wenn wir unsere Alarmanlage erneuern würden, damit so was wie heute Nacht nicht wieder passiert. Sind wohl wieder Diebe unterwegs. Und da dein Hund jetzt auch fehlt, brauchen wir wohl ´ne neue Anlage. Hey, hörst du mir überhaupt zu?“ - „Ja, klar. Nein, war niemand hier. Gute Nacht.“ Joey stand auf und ging nach oben. „Was ist denn mit ihm?“, fragte Sam. „Ich weiss nicht. Er war heute Morgen schon so komisch. Wahrscheinlich sorgt er sich einfach nur um den Hund.“
 
In den nächsten Tagen ging Joey jeden Tag in die Tierklinik, um nach Benjy zu sehen. Es hatte den armen Kerl schwer erwischt, doch der Arzt versicherte ihm, dass er wieder gesund werden würde. Mick war in dieser Zeit viel mit Sam unterwegs und merkte gar nicht, was eigentlich vor sich ging...
Während Mick und Sam sich einige erholsame Tage gönnten, arbeitet Joey und am Abend ging er entweder surfen oder war in der Tierklinik. Die Briefe kamen inzwischen mehrmals wöchentlich und er öffnete sie gar nicht mehr. An einem Dienstagmorgen konnte er Benjy wieder nach Hause holen. Er humpelte zwar noch ein wenig, doch die beiden waren froh, wieder vereint zu sein.
 
Am Abend rief ein alter Freund von Joey an und lud ihn zu einer Party ein. Natürlich war Joey sofort dabei, denn endlich war keiner da, der ihn ermahnte, er solle nicht zu viel trinken.
Die Party fand auf einer alten Yacht im Hafen statt und Joey traf einige alte Freunde. Sie hatten es lustig und es war eine ausgelassene Stimmung. Er traf auch auf eine alte Schulfreundin, die er schon lange nicht mehr gesehen hatte. Doch sie gefiel ihm noch immer sehr gut. So verbrachte er den Abend meist mit Sandy, so der Name des Mädchens, und merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Als schon bald wieder die Sonne aufging, verabschiedete sich Sandy, denn es waren fast keine Gäste mehr auf der Yacht. Sie tauschten noch die Nummern aus und Sandy ging von Bord, während Joey seinem Freund noch bei den Aufräumarbeiten half. Etwa zwei Stunden später sahen sie von der Yacht aus, wie am nahegelegenen Strand Sirenen ertönten und Polizei- sowie Krankenwagen auffuhren. Schaulustige versammelten sich um die Fahrzeuge herum, doch Joey konnte vom Schiff aus nicht erkennen, was passiert war. Plötzlich rief jemand, dass eine Frauenleiche gefunden worden war. Joey hatte ein ungutes Gefühl und wollte sich die Sache aus der Nähe ansehen. Als er am Tatort eintraf, sah er gerade noch, wie ein lebloser Körper in den Wagen geschoben wurde. Er sah auf das Kleid des Mädchens, sah die Schuhe, am Boden neben dem Wagen lag eine Tasche. ‚Sandy!’, schoss es Joey durch den Kopf. Es war Sandy! Das tote Mädchen war Sandy. Ein Beamter rief in die Runde, wer das Mädchen kenne und Joey hob apathisch die Hand. Der Beamte kam auf ihn zu und sprach ihn an, doch Joey brachte zuerst kein Wort heraus. In diesem Augenblick kam eine Gruppe von FBI-Beamten am Tatort an. Joey schaute auf und sah direkt in die Augen eines alten Bekannten: Louis Ortega. Louis war ein alter Freund von Mick und Joey, der ihnen schon des Öfteren geholfen hatte und der jetzt beim FBI war. „Chef, dieser junge Mann hier kannte das Opfer“, sagte der Beamte zu Louis Ortega. „Joey? Du? Ist Mick auch hier? Was tust Du hier?“
 
Nachdem Joey Louis alles erzählte hatte, was er über Sandy wusste, brachte ihn dieser auf die Polizeistation, damit er alles nochmals zu Protokoll geben konnte. Während der Autofahrt fragte Louis, wie es Mick gehe und Joey brachte ihn auf den neuesten Stand, was Mick und Sam anging. Nachdem die Protokollaufnahme beendet war, gingen Joey und Louis noch zusammen etwas essen. Joey war froh darüber, denn er wollte jetzt nicht alleine sein. Immerhin war soeben die Frau kaltblütig ermordet worden, mit der er den ganzen Abend zusammen gewesen war. Er brachte zwar keinen Bissen ´runter, aber das war für einmal sogar Joey egal.
Als die beiden eine Stunde später zum Revier zurückkehrten ging Louis in sein Büro, um Mick zu benachrichtigen, damit er Joey abholen solle. Louis hatte irgendwie das Gefühl, dass Joey ein wenig neben den Schuhen stand und zudem wollte er seinen alten Freund wieder mal sehen. Joey bekam den Anruf mit und machte sich aus dem Staub, denn er hatte jetzt keine Lust, das Ereignis auch noch seinem Bruder zu erzählen. Zudem war er hundemüde und wollte nach Hause.
Auf dem Nachhauseweg machte sich jedoch eine schlimme Vorahnung breit. Beim Strandhaus angekommen, ging er zögerlich zum Briefkasten. ‚Bitte nicht - bitte nicht’ schoss ihm durch den Kopf, als er den Kasten öffnete. In zitternden Händen hielt er einen Umschlag mit der Aufschrift „Für Joey“. Es wurde ihm speiübel, er konnte keinen klaren Gedanken fassen. ‚Komm schon Joey, sei kein Hase’, machte er sich selber Mut. ‚Da wird sich jemand einen üblen Scherz erlauben und wird sich nachher über dich lustig machen, weil du so dumm aus der Wäsche geschaut hast.’ Doch so richtig konnte er sich nicht beruhigen. Er beschloss den Brief erst zu öffnen, wenn er wieder ein wenig klar im Kopf war. Er hatte in den letzten Nächten seit dem nächtlichen Einbruch nicht mehr richtig schlafen können und war dementsprechend müde. Also nahm er sich vor, sich zuerst ein paar Stunden hinzulegen.
 
Als Mick nach Hause kam, lag Joey auf dem Sofa, Benjy zu seinen Füssen. Mick hatte noch eine Weile mit Louis gesprochen und als dieser ihn gefragt hatte, ob es Joey nicht gut gehe, wurde ihm bewusst, dass sein kleiner Bruder tatsächlich ziemlich mitgenommen aussah. Sam war noch in der Stadt geblieben, um einige Einkäufe zu erledigen und so hatte Mick Zeit, sich um seinen kleinen Bruder zu kümmern. Als er Joey so auf dem Sofa liegen sah, kreidebleich mit schwarz umrandeten Augen, kam in ihm wieder dieser Beschützerinstinkt hoch. Er holte eine Decke und legte sie behutsam um Joey. Er setzte sich neben ihn auf einen Stuhl und schaute ihn an. Ja, Louis hatte recht. Er sah wirklich ziemlich abgekämpft aus. Bei Mick machte sich das schlechte Gewissen breit. Hatte er seinen Bruder vernachlässigt? Es war noch nicht lange her, seit Joeys bester Freund Ray bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Vielleicht hatte er diesen Verlust noch immer nicht ganz überwunden. Oder war es etwas anderes, das seinen Bruder bedrückte? Er wusste es nicht.
 
Also Joey wach wurde, war es schon wieder dunkel draussen und als er in die Küche kam, sah er, dass Mick und Sam am kochen waren. „Hey, guten Morgen“, sagte Mick, „setz dich hin, ich hab was gekocht“. Joey setzte sich wortlose auf den Stuhl. Als er das Essen roch, merkte er erst, dass er seit gestern Abend nichts mehr gegessen hatte. Er nahm sich etwas auf den Teller, doch er hatte eigentlich gar keinen Hunger. Aber er musst wenigstens so tun als ob, sonst würde ihm Mick wieder Löcher in den Bauch fragen. Als er einige Bisse gegessen hatte, merkte er, dass er den Brief noch immer unter seinem T-Shirt hatte. Der Bissen blieb ihm im Hals stecken, wenn er daran dachte, was wohl in diesem Brief stehen würde. „Hey, was ist los? Schmeckt es Dir nicht?“ Mick war wieder mal nichts entgangen doch er wollte nicht zu aufdringlich sein, denn er sah seinem Bruder an, dass es ihm nicht gut ging. „Doch klar, ich... ähm... ich...“. Joey wusste nicht, was er sagen sollte. Er stand auf und murmelte irgendetwas vor sich hin und ging mit dem Hund raus. Sam sah Mick an und sie sah, dass er nachdachte. „Hey, was ist mit dir?“ – „Ach, ich weiss nicht. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Kommt er dir nicht irgendwie anders vor?“ – „Na ja. Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, da war er lustiger, fröhlicher, irgendwie unbeschwerter. Aber du hast mir doch erzählt, dass es in der letzten Zeit nicht einfach für ihn war. Also lass ihn doch einfach ein wenig in Ruhe.“ – „Ja, vielleicht hast du recht. Bestimmt sogar.“
Joey setzte sich vor dem Haus auf eine Bank und nahm den Brief hervor. Langsam öffnete er ihn, faltete das Papier auseinander und begann zu lesen:
„Nette kleine Freundin hattest du, Joey. Schade, wirklich schade.“
 
Joey blieb wie angewurzelt auf der Bank sitzen. In Gedanken ging er nochmals den gestrigen Abend durch. Er versuchte sich zu erinnern, wen er alles getroffen hatte. Viele bekannte Gesichter, aber auch viele unbekannte. Dieser anonyme Schreiber musste ihn kennen. Doch von den Gästen konnte es doch keiner gewesen sein, dachte sich Joey.
Er wusste nicht, wie lange er schon auf der Bank gesessen hatte, doch langsam wurde es kalt. Er beschloss, ins Haus zurückzugehen, als gerade Mick neben ihm auftauchte. „Hey. Louis hat soeben angerufen. Er kommt gleich noch schnell vorbei. Er hat noch ein paar Fragen an dich wegen gestern Abend.“ – „Okay. Ich geh schon mal rein.“
 
Louis hatte nur ein paar Routinefragen und danach sassen sie noch alle zusammen im Wohnzimmer und redeten über die alten Zeiten. Es war ein lustiger Abend und für kurze Zeit vergass Joey den Inhalt der Briefe. Plötzlich kam ihm in den Sinn, dass Mick mal davon gesprochen hatte, dass er mit Sam ein paar Tage wegfahren wollte: „Hey Mick, wann geht ihr denn nun auf eure Reise?“. Sam schaute Joey irgendwie dankbar an und zwinkerte ihm zu, denn sie hatte den Mut nicht aufgebracht, Mick nochmals danach zu fragen. Louis bemerkte das Grinsen in den Gesichtern von Joey und Sam und fügte mit ernster Miene hinzu: „Ja Mick, wann fahrt ihr denn nun weg?“ – „Was wollt ihr denn alle von mir!?“ entgegnete Mick etwas verlegen. Alle lachten und nach einigem Hin und Her beschlossen Mick und Sam, dass sie im Verlauf des nächsten Tages aufbrechen würden.
 
Am nächsten Morgen fuhren Mick und Sam weg, doch nicht ohne dass Mick Joey eine Predigt gehalten hatte, was er alles nicht tun solle und dass er nicht wieder in Schwierigkeiten geraten solle und und und. Joey kannte die Leier inzwischen auswendig und hört gar nicht mehr hin. Als er endlich den Wagen wegfahren hörte, war er erleichtert, dass sein Bruder endlich mal für ein paar Tage aus dem Haus war.
Er beschloss, noch eine Runde zu surfen und rief ein paar Kollegen an. Der Tag verging wie im Flug und abends war Joey zu müde, um auszugehen. Er beschloss, sich eine Pizza zu bestellen und den Abend vor der Glotze zu verbringen. Joey war schon fast eingeschlafen vor dem Fernseher, als er plötzlich ein seltsames Geräusch vernahm. Benjy war inzwischen an der Terrassentür angekommen und knurrte wild. Joey öffnete die Tür und rannte hinaus. Im Dunkel war eine Gestalt zu erkennen, die soeben flüchten wollte und über den Zaun sprang. Joey rannte hinterher und setzte ebenfalls zum Sprung an. Der Unbekannte rannte die Strasse hinunter Richtung Stadtmitte. Plötzlich bog der Gejagte in eine Seitenstrasse ein und verschwand in einem heruntergekommenen Fabrikgebäude. Joey verlor ihn aus den Augen und suchte ihn im Gebäude. Von weitem sah er ein rotes Licht und er ging langsam darauf zu. In der Mitte des Raumes sah er einen Gegenstand am Bode liegen. Joey ging in langsamen Schritten darauf zu. Als er näher kam, sah er, dass es sich um einen Menschen handelte, der vor ihm am Boden lag. Joey beugte sich über den regungslosen Körper und drehte ihn vorsichtig zur Seite. Er erschrak, denn der Mann war tot, er war erschossen worden. Joey konnte keinen klaren Gedanken fassen. Obwohl er bei seinen Abenteuern mit Mick immer wieder tote Menschen „angetroffen“ hatte, konnte er sich nie an den Anblick gewöhnen. Plötzlich vernahm Joey Stimmen hinter sich und ehe er sich versah wurde er unsanft zu Boden gedrückt und laute Stimmen füllten den Raum. Jemand riss ihn vom Boden auf und drückte ihn unsanft gegen die Wand. „Was tun sie hier?“ hörte er jemanden fragen. Joey konnte erkennen, dass die Menschen im Raum Polizisten waren – und er war erleichtert. „Mein Name ist Joey Barrett, ich wohne hier in der Gegend. Bei mir wurde eingebrochen und ich hab einen Kerl verfolgt bis hierher. Als ich in diesen Raum kam sah ich den Mann am Boden liegen. Er ist tot.“ - „Na du bist ja ein ganz schlaues Kerlchen! Und du hast ihn wohl umgebracht!“ entgegnete der Beamte. „Nein! Nein, sicher nicht! Ich sagte doch, dass ich ihn so vorgefunden habe.“ – „Na, du kommst erst mal mit.“
 
Als Joey vor dem Polizeigebäude aus dem Auto stieg musste er fast lachen, denn er hatte das Gefühl, dass er hier öfter zu Gast war, als ihm lieb war. Nach einer endlosen Warterei und nachdem Joey etwa fünf Mal die ganze Geschichte erzählt hatte, konnte er endlich gehen. Als er gerade das Gebäude verlassen wollte, traf er auf Louis. „Hey Joey! Du hier? Ist was passiert.“ Joey verdrehte nur die Augen und erzählte seinem alten Freund die Geschichte. „Hat wohl en Menge Einbrecher in eurer Umgebung“ meinte Louis. Und fügte lachend hinzu: „Und du hast dich auch nicht wirklich verändert. Bist immer noch genauso wie früher; lässt einfach kein Fettnäpfchen aus und gerätst immer wieder in Schwierigkeiten. Wie du das nur immer wieder hinkriegst!“. Joey musste auch lachen, denn er besass wirklich ein seltsames Talent für solche Sachen. Die beiden beschlossen, zuerst zu den Barretts zu fahren und dann noch irgendwo was trinken zu gehen.
 
Die darauf folgenden Tage verliefen in ruhigen Bahnen – und darüber war Joey ganz froh. Denn irgendwie war sein Bedarf an Einbrechern, Toten und unbekannten Menschen mit unangenehmen Überraschungen wieder für eine Weile gedeckt. Aber am meisten erleichtert war er darüber, dass seit einigen Tagen auch keine Briefe mehr eintrafen. Mick hatte sich schon ein paar Mal gemeldet, um zu erzählen, wo sie sich gerade aufhielten. Joey freute sich sehr für seinen Bruder. Er tönte sehr glücklich und Joey gönnte ihm die schöne Zeit mit Sam. Denn er wusste nur zu gut, dass im Leben der Barrett-Brüder nichts beständig war, und am wenigsten eine ruhige und glückliche Zeit. Joey sollte leider Recht behalten...
 
Am nächsten Abend beschloss Joey nach dem Arbeiten noch ein wenig surfen zu gehen. Da seine Kollegen nicht erreichbar waren, machte er sich alleine auf den Weg. Die Wellen waren hoch – perfekt für Joey und er genoss das Spiel mit Wind und Wasser. Plötzlich sah er jedoch, dass bei den Klippen ein Körper leblos im Wasser trieb. Joey paddelte mit dem Board auf den Körper zu und als er sah, dass er sich wirklich nicht bewegte, stürzte er ins Wasser und zog den leblosen Körper Richtung Strand. Als er das Land fast erreicht hatte, wurde er von den Badegästen entdeckt und diese halfen ihm, den regungslosen Mann ins Trockene zu bringen. „Der Rettungswagen ist schon unterwegs“, rief jemand. Doch es war schon zu spät. Als der Rettungswagen kurze Zeit später eintraf, konnte der Notfallarzt nur noch den Tod des Mannes feststellen. Was danach geschah, daran konnte sich Joey nur noch in Bruchstücken erinnern. Auf einmal rief jedoch jemand aus der neugierigen Menschenmenge, die sich gebildet hatte: „Mörder, der Surfer ist der Mörder! Er hat den armen Mann ertränkt!“. Joey horchte auf und auch der Notfallarzt schaute in die Menge. Auch zwei Polizeibeamte, die inzwischen am Unfallort eingetroffen waren, hatten die Bemerkung gehört. Danach ging alles sehr schnell. Der Tote wurde in einen Leichenwagen geladen und die Beamten nahmen Joey mit auf die Wache, unter dem Vorwand, dass sie ihn zum Unfallhergang befragen müssen, obwohl Joey beteuerte, dass er vom Unfallhergang nichts mitbekommen hatte. Im Auto musste Joey an die Worte von Louis denken....ja, sein Talent für solche Situationen war wirklich nicht zu übertreffen.
 
Auf der Wache angekommen, wurde Joey in ein Sitzungszimmer gebracht. Zuerst dachte er noch, dass das wohl das übliche Prozedere bei einem tödlichen Unfall sei, doch als nach fast zwei Stunden noch immer kein Beamter auftauchte, wollte er mal nachsehen, was los sei. Doch erstaunt musste er feststellen, dass die Türe verriegelt war. Langsam machte er sich Sorgen: ‚Ach scheisse, warum muss mir immer so was passieren?! Das ist doch langsam nicht mehr normal, echt. So eine Scheisse“.
Nachdem er eine weitere Stunde gewartet hatte, hörte er, dass sich Schritte dem Raum näherten. Die Tür ging auf und hinter zwei Beamten konnte er das vertraute Gesicht von Louis erkennen. „Na endlich. Ich dachte schon, ihr lässt mich hier verrotten“, rief ihnen Joey entgegen und wollte aufstehen und zu Louis gehen. Als er sich jedoch erhob, wurde er von den Beamten auf den Stuhl zurückgedrückt. „Hey! Was soll das?“. Ortega sah ihn ungläubig an und erwiderte etwas irritiert: „Joey, ich muss dich wegen Mordes an Michael Kane festnehmen...“. Joey glaubte, sich verhört zu haben und lachte. „Was musst du? Ach komm schon, hör auf mit den Witzen. Kann ich jetzt gehen?“ – „Das ist kein Witz Joey..“ – „Was? Ich kenne nicht mal jemanden, der so heisst. Wie soll ich ihn also umbringen? Komm schon Louis, hör auf damit.“ Als Joey jedoch in das erstarrte Gesicht von seinem Freund blickte, wusste er, dass es sich nicht um einen Scherz handelte.
Louis erklärte ihm daraufhin fassungslos, dass es anscheinend einen Zeugen gebe, der beobachtet hatte, wie Joey dem Toten angeblich aufgelauert und ihn so lange unter Wasser gedrückt habe, bis dieser sich nicht mehr gerührt habe. Danach soll er den Toten an den Strand geschleppt und so getan haben, als sei es ein Unfall gewesen. Dieser Zeuge habe sich anonym bei ihnen gemeldet und seinen exakten Angaben zufolge müsse er sich ebenfalls am Tatort aufgehalten haben. Hinzu komme, dass in den letzten Tagen im Zusammenhang mit einigen noch ungeklärten Mordfällen immer wieder sein Name in den Akten aufgetaucht war. Das erhöhe seine Glaubwürdigkeit nicht wirklich. Joey hörte ungläubig hin. „Das kann doch nicht wahr sein. Louis, ich wollte den Kerl retten und ihn nicht umbringen. Komm schon, ich bring doch keine Leute um...“. – „Das musst du mir nicht erzählen, Joey, das weiss ich. Aber die Fakten sprechen gegen dich. Die Obduktion hat ergeben, dass der Mann keine äusseren Verletzungen aufwies. Seine Frau hat zudem gesagt, dass er ein erfahrener Schwimmer und Taucher war. Er wurde gewaltsam ertränkt“. Louis blickte in die verzweifelten Augen von Joey und er wusste nicht, was er ihm sagen sollte. Nachdem sich beide angeschwiegen hatten, brach Joey die Stille: „Sag bitte Mick noch nichts von der Sache, ja? Ich will nicht, dass er sich Sorgen macht. Das wird sich schon alles klären, das kann nur ein dummes Missverständnis sein. Und noch was: Kannst du bitte nach meinem Hund schauen?“ - „Ja, klar“. Danach ging die Türe auf und zwei Beamte legten Joey Handschellen an und führten ihn ab. Louis sah ihm hinterher und machte sich grosse Sorgen, denn er hatte kein gutes Gefühl bei dieser Sache. Nachdem er einige Zeit einfach dagesessen hatte, stand er auf und fuhr zum Strandhaus seiner Freunde. Als er das Haus betrat, sprang ihm Benjy freudig entgegen. „Na Kleiner, hast wohl Hunger, was?“.
 
Joey verbrachte inzwischen einige ungemütliche Stunden in einer kalten Zelle in der U-Haft. Er wusste nicht, ob er darüber lachen oder weinen sollte. Das, was er in den letzten Tagen erlebt hatte, überbot so einiges, was er sich bis anhin geleistet hatte. Doch es war anders als sonst. Alle früheren „Missgeschicke“ hatte er selbst zu verschulden, doch die Situationen der letzten Tage liessen ihn machtlos erscheinen. Er wusste nicht, was vor sich ging, doch langsam kam er zur Überzeugung, dass das alles kein Zufall mehr war. Die Briefe, die Einbrüche, die unbekannten Toten. Joey musst sich eingestehen, dass ihm das alles Angst machte. Und dass er jetzt in einer Zelle hockte und nicht wusste, was weiter geschehen würde, stimmte ihn nicht gerade optimistisch. Angesichts dieser Umstände beschloss Joey, am nächsten Morgen seinen grossen Bruder benachrichtigen zu lassen. Denn irgendwie hatte er das Gefühl, dass er hier ohne ihn nicht wieder rauskam...
 
Joey konnte in dieser Nacht kein Auge zutun. Und je länger er über seine Situation nachdachte, desto klarer wurde sie ihm: Jemand wollte ihm schaden. Und dieser Jemand war der Verfasser der Briefe, der Einbrecher...und weiter mochte er gar nicht denken.
 
Als Louis am nächsten Morgen nach seinem Freund schauen wollte, bat ihn dieser sogleich, Mick zu benachrichtigen. Als Louis einige Minuten später die Zelle verliess, beschlich auch ihn ein ungutes Gefühl. Er kannte Joey schon einige Zeit. Doch so, wie er ihn jetzt sah, hatte er ihn noch nie gesehen.
Nachdem Louis sich lange überlegt hatte, wie er Mick die Situation beibringen wollte, nahm er den Telefonhörer zur Hand und wählte dessen Handynummer. „Hey Mick, ich bin’s, Louis“ – „Hey Louis, mein alter Freund“ ertönte es am anderen Ende, „wie geht es Dir? Willst dich wohl erkundigen, wie es uns geht? Fantastisch. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie schön es hier ist!“ – „Freut mich für euch“ konnte Louis gerade noch entgegnen, bevor Mick wieder lossprudelte und erzählte, was sie die letzten Tage über gemacht hatten. Als Mick kurz Luft holte nutzte Louis die Chance und sagte: „Hey Mick, ich rufe eigentlich wegen etwas ganz anderem an“ – „Hey, was ist los? Warum so ernst? Brauchst wohl auch mal ein paar Tage Ferien“ ertönte Micks Lachen am anderen Ende. „Mick. Joey....er...“. Augenblicklich verstummte das Lachen am anderen Ende der Leitung: “Was ist mit ihm? Hat er wieder mal Mist gebaut? Ist was passiert?“ – „Er...er sitzt in U-Haft..“ – „WAS?“ – „Ja, er...er wird beschuldigt, am Tod eines Mannes Schuld zu sein.“ Danach ging alles Schlag auf Schlag. Mick nahm gefasst die notwendigen Fakten entgegen und versprach, sich sofort auf den Weg zu machen.
 
Joey wurde den ganzen Tag über verhört. Immer und immer wieder musste er die ganze Geschichte erzählen. Und auch zu den anderen zwei Todesfällen musste er wieder Fragen beantworten. Was ihn dabei irritierte war, dass es andere Polizisten waren, als bei den anderen Gesprächen. Und auch Louis war nicht mehr dabei. Er bat deshalb darum, mit ihm sprechen zu dürfen. Louis erklärte ihm, dass sein Fall „umgeteilt“ worden war. „Was heisst umgeteilt?“ – „Hm...um ehrlich zu sein: ich weiss es nicht.“ – „Komm schon Louis. Du weißt doch mehr.“ – „Ich kann Dir nur sagen, dass ich wirklich nicht weiss, was vor sich geht. Ich will Dich nicht beunruhigen...“ – „Ja, super. Toll. So eine verdammte Scheisse.“ – „Hey, komm schon. Das wird schon wieder. Du bist ja unschuldig!“ – „So eine Scheisse, du weißt genau, dass das in manchen Fällen keine Rolle spielt! Ich weiss genau, dass es jemand auf mich abgesehen hat. Jemand will mir was anhängen!“ – „Was? Wie kommst du denn darauf?“. In diesem Augenblick ging die Türe auf und ein Beamter führte Joey in Handschellen in seine Zelle zurück. Zurück blieb ein ratloser Louis.
 
Was in den folgenden Tagen geschah, konnte sich im Nachhinein niemand mehr so richtig erklären. Es fing damit an, dass Mick nach einer langen Reise endlich im Gefängnisgebäude eintraf. Natürlich wollte er sofort seinen kleinen Bruder sehen, doch wurde ihm ein Besuch verwehrt. Also suchte er Louis auf und liess sich von ihm über alle Details unterrichten. Als sie einige Zeit später zusammen den Gefängnistrakt aufsuchten, um zu Joey zu gelangen, wurde ihnen der Zugang erneut verwehrt. Dies mit der Begründung, dass die Gefahr der „Verschleierung“ bestehe. Mick ärgerte sich ob dieser Anmassungen so sehr, dass er den Vorgesetzten verlangte, denn seines Wissens konnte es Angehörigen nicht verwehrt werden, die Gefangenen zu sehen. Es gab jedoch kein Durchkommen und auch die vielen Beziehungen, welche Mick von seiner aktiven Polizistenzeit her noch hatte, halfen ihm nicht weiter.
 
Als Louis, Mick und die inzwischen ebenfalls eingetroffene Sam zusammen sassen, erzählte Louis den anderen beiden, dass Joey ihm gegenüber den Verdacht geäussert hatte, dass jemand dahinter steckte, der das alles geplant habe. Mick rekapitulierte die Geschehnisse der vergangenen Tage und Wochen. Doch obwohl einige unangenehme Sachen passiert waren, konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, was sein Bruder damit meinte. Konnte es sein, dass er wieder mal übertrieb? Waren die letzten Wochen und Monate einfach zu anstrengend gewesen? Immerhin war viel geschehen. Was sonst trieb ihn zu der Annahme, dass jemand ihm schaden wollte? Im Moment verlief ihr Leben so ruhig, wie seit langem nicht mehr. Warum kam sein Bruder ausgerechnet jetzt mit solchen Beschuldigungen?
 
Während sich Mick, Louis und Sam den Kopf zerbrachen, wie sie Joey da wieder rausholen konnten, ging der junge Barrett durch die Hölle. Wegen angeblichen Platzmangels war Joey in einen anderen Gefängnistrakt verlegt worden, wo er zusammen mit drei anderen Häftlingen die Zelle teilen musste. Da Joey inzwischen auch mit dem unbekannten Toten im Fabrikgebäude und vor allem auch mit dem Tod von Sandy in Verbindung gebracht wurde, war er unter den Insassen nicht gerade beliebt, denn in den Tod eines jungen Mädchens verwickelt zu sein, ist nicht gerade sympathiefördernd. Joey musste also einiges einstecken und im wahrsten Sinne des Wortes schmerzvolle Erfahrungen machen, während seine Freunde und sein Bruder noch immer ratlos waren.
 
Joey wurde unter immer neuen Vorwänden im Gefängnis festgehalten und Mick wurde der Besuch seines Bruders weiterhin untersagt. Doch konnte Louis erreichen, dass wenigstens er einige Minuten mit Joey sprechen konnte. Er wurde in einen Raum geführt und nach wenigen Minuten brachte ein Beamter Joey in Handschellen herein. Doch schon als Joey hereingeführt wurde, wurde Louis in seinen schlimmen Befürchtungen bestätigt, denn auch er kannte „die Regeln des Gefängnisses“. Die Insassen waren mit ihm nicht zimperlich umgegangen und so war Joey des Öfteren mit Faustschlägen und Tritten malträtiert worden. Er setzte sich gegenüber auf einen Stuhl und schaute Louis in die Augen. Dieser konnte nichts sagen, denn so hatte er seinen Freund noch nie gesehen. Er kannte Joey als stets gut gelaunten, Sprüche klopfenden und lachenden Menschen – doch der Mensch, der ihm jetzt gegenüber sass, war eine andere Person. Abgesehen von den blauen Flecken und den Narben im Gesicht war er auch psychisch völlig am Ende: „Louis, das ist ein verflucht schlechter Traum. Würde jemand die Güte haben, mich aus diesem verdammten Scheiss rauszuholen, bevor mich diese Typen noch umbringen? Warum tut ihr nichts? Warum? Du musst doch was tun können?! Was ist mit Mick?“ Er folgte ein langes Schweigen von beiden Seiten. „Verdammt Louis, was ist los?“. Noch bevor dieser jedoch etwas sagen konnte, kam der Beamte wieder herein und riss Joey unsanft hoch und drängte ihn wieder zur Türe. Dieser konnte Louis noch zurufen: „Sag Mick dass es die Briefe sind! Die Briefe! Er muss den Verfasser der Briefe finden!“
 
Nachdem Louis das Gefängnis verlassen hatte, musste er sich zuerst einige Minuten hinsetzen. Er fühlte sich so hilflos. Schliesslich hatte er all die Vorfälle mitbekommen, war ein FBI-Beamter und konnte doch nichts ausrichten. Doch was ihn fast noch mehr belastete, war der Gedanke daran, wie er Mick beibringen solle, was die dort mit Joey machten. So verzweifelt hatte er ihn noch nie gesehen. Er wusste, wie sehr Mick an seinem kleinen Bruder hing. Mick war ein langjähriger Freund von ihm und sie hatten zusammen einiges durchgestanden. Während all den Jahren war Joey aber immer der wichtigste Mensch in Micks Leben gewesen und jedes Mal, wenn etwas mit seinem kleinen Bruder war, erlebte Louis, wie Mick litt und am liebsten alles auf sich genommen hätte, nur um seinen kleinen Bruder zu schützen. Deswegen war es für ihn besonders schwer, ihm jetzt mitzuteilen, dass es Joey im Gefängnis sehr schlecht erging – und dass sich in den nächsten Tagen an dieser Situation wohl auch nichts ändern würde.
Und in der Tat ging es Mick nicht besser, denn die Sorge um seinen Bruder machte ihn fast krank. Wenn er ihn wenigstens sehen oder mit ihm sprechen könnte. Inzwischen war er jedoch auch zur Überzeugung gelangt, dass da etwas nicht stimmen konnte und er wollte mit allen Mitteln versuchen, herauszufinden, wer das seinem Bruder angetan hatte. Als Louis erwähnte, dass ihm Joey etwas von Briefen gesagt hatte und dass sie den Verfasser der Briefe finden müssten, war Mick für einen Moment ratlos. Doch dann kam ihm in den Sinn, dass Joey vor ihrer Abreise auffällig viele Briefe erhalten hatte. Und als er Joey einmal völlig aufgelöst im Garten antraf, hatte er wiederum einen solchen Brief in den Händen. Mick wusste, dass er die Briefe finden musste, also ging er wortlos in Joeys Zimmer. Sam und Louis folgten ihm und es ging nicht lange, da wurde Mick fündig. In einer Schachtel fand er die anonymen Schreiben und begann sie zu durchstöbern. Einige Briefe waren noch immer ungeöffnet, doch was die restlichen preisgaben, schockte ihn. Warum in aller Welt hatte sein Bruder diese Schreiben nie erwähnt?
Louis beschloss, einige der Briefe auf Fingerabdrücke und andere Spuren hin untersuchen zu lassen. Nachdem er gegangen war, Sam und Mick sassen noch immer in Joeys Zimmer, brach es plötzlich aus Mick hervor: „Es ist meine Schuld! Ich war so ein Idiot. Ich hätte merken müssen, dass etwas nicht stimmt.“ Sam versuchte ihn zu beruhigen: „Hey, das stimmt doch gar nicht!“ – „Doch, ich war viel zu sehr mit mir beschäftigt und habe gar nicht bemerkt, was vor sich ging. Wir haben uns noch darüber unterhalten, dass Joey irgendwie verschlossen ist, aber wir haben nicht weiter darauf geachtet. Wenn ich nicht so egoistisch gewesen wäre, dann sässe er jetzt nicht im Gefängnis.“ Sam tröstete Mick und versuchte ihm Mut zu machen: „Das wichtigste ist, dass wir Joey jetzt möglichst schnell da rauskriegen! Es bringt jetzt nichts, wenn wir uns Vorwürfe machen. Wir müssen uns etwas überlegen!“ – „Ja, du hast recht.“
 
Am Abend sassen Mick und die anderen in der Küche und überlegten sich, wie sie Joey endlich aus dem Gefängnis rausholen könnten. Inzwischen war auch Gordon, der frühere Auftraggeber von Mick und Joey, zu ihnen gestossen. Mick hatte ihn benachrichtigt, weil sie immer noch in engem Kontakt standen und er hoffte, Gordon könnte ihm weiterhelfen. Plötzlich klingelte das Telefon. Mick nahm das Gespräch entgegen und nach einigen Minuten war das Gespräch schon wieder beendet. Seine Freunde schauten ihn an, als er die Küche wieder betrat. Mick teilte den anderen freudig mit, dass Joey soeben entlassen worden sei. Louis fragte ungläubig: „Was? Wie das so plötzlich?“ – „Keine Ahnung“, entgegnete Mick, „aber die Hauptsache ist doch, dass er draussen ist!“.
Mick und Louis fuhren sogleich zum Gefängnis. Mick wollte seinen Bruder sofort sehen und Louis wollte genaueres über die Umstände der überraschenden Freilassung erfahren. Bevor Mick jedoch endlich zu seinem Bruder konnte, wurde er zum obersten Chef der Polizei berufen. Dieser entschuldigte sich in aller Form für die geschehenen „Unannehmlichkeiten“ und bestätigte offiziell, dass Joey einem „Irrtum“ zum Opfer gefallen war etc etc. Mick wusste, dass er eigentlich wütend sein müsste, doch er war so froh, dass sein kleiner Bruder endlich wieder frei war, so dass er die Entschuldigung sofort annahm.
 
Als Mick endlich in den Raum geführt wurde, um Joey abzuholen, sah er seinen kleinen Bruder vornüber gebeugt auf einem Stuhl sitzen. Langsam schritt Mick auf ihn zu und als er fast bei ihm angekommen war, hob dieser langsam den Kopf. Mick erschrak, denn Joey sah nicht gut aus. Er war sehr blass und hatte eine Narbe über dem linken Auge und eine offene Lippe. Bevor Mick jedoch etwas sagen konnte, erhob sich Joey mit sichtlichen Schmerzen, lief an seinem Bruder vorbei und sagte nur: „Lass uns einfach hier abhauen“.
 
Auch auf dem Nachhauseweg schwieg der jüngere Barrett und Mick wollte keine Fragen stellen, denn er sah, dass es seinem Bruder nicht gut ging. Er wusste, dass es viele offene Fragen gab, doch diese zu stellen, hatte auch noch bis am nächsten Morgen Zeit. Zuhause angekommen, stieg Joey aus dem Wagen und ging wortlos in sein Zimmer. Gordon und Sam liess er einfach an der Türe stehen. Sie sahen Mick verwundert an, doch auch dieser war ratlos. Gordon meinte schliesslich: „Lasst uns schlafen gehen, Kinder. Joey ist wieder hier, das ist die Hauptsache. Lassen wir ihm Zeit – morgen ist auch noch ein Tag“.
 
In dieser Nacht schlief niemand besonders gut, doch zwei Personen schlossen kein Auge. Die Barrett-Brüder. Joey überlegte immer wieder, wer hinter den Briefen stecken könnte. Und Mick sorgte sich so sehr um seinen Bruder, dass an Schlaf nicht zu denken war. Beide beschlossen, sich in die Küche zu setzen, um nachzudenken. Als Joey gerade auf dem Weg nach unten war, begegnete er seinem Bruder. Sie schauten sich in die Augen und Mick sah Angst in den Augen seines Bruders. „Kannst wohl auch nicht schlafen, was“ versuchte Mick die Situation zu kommentieren. Joey sah ihn schweigend an. „Na komm, setzen wir uns in die Küche“ fuhr Mick fort und beide gingen nach unten.
Nach einer Weile durchbrach Joey die Stille: „Mick, es tut mir leid. Ich hätte Dir früher was sagen müssen. Aber ich wollte….ich hab’ nicht gedacht, dass….“ – Joey suchte nach Worten. „Verdammt noch mal“ brach es aus Mick heraus. „Was ist los mit Dir? Wir haben immer über alles gesprochen. Warum hast Du nichts gesagt!?“ – „Ich wollte….na ja, ich weiss dass ich Dir immer wieder Schwierigkeiten bereitet habe in all den Jahren. Dauernd musstest Du mich irgendwo rausholen, wenn ich mal wieder was verbockt habe. Und ich wollte einfach, dass Du mal glücklich sein kannst. Ich muss es mal alleine schaffen – ohne Deine Hilfe…“. Mick sah seinen Bruder an. Er konnte nicht fassen, was dieser gesagt hatte. „Hey, mach mich nicht wütend. Du weißt, was ich Dir damals versprochen habe. Und Du weißt genau, dass Du das Wichtigste in meinem verdammten Leben bist. Ich bin nur wirklich glücklich, wenn ich weiss, dass es Dir gut geht…“. Wieder herrschte eine unangenehme Stille zwischen den beiden. Joey blickte starr auf den Tisch und Mick hatte den Blick auf seinen Bruder gerichtet. „Das Wichtigste ist, dass wir herausfinden, wer für all das verantwortlich ist“ sagte Mick. „Hast Du eine Ahnung?“ – „Nein“. – „Denk doch mal nach, Joey, wer hat etwas gegen Dich?“ In diesem Augenblick fuhr Joey auf und seine Augen funkelten. Er schrie Mick an: „Verdammte Scheisse, was soll die Frage?! Meinst Du etwa, ich habe mir diese Frage nicht gestellt. Was meinst Du, was ich die letzten Tage und Nächte gemacht habe!? Was wohl? Däumchen gedreht?“. Mit diesen Worten verliess Joey die Küche. Mick blieb erstaunt zurück. So aggressiv hatte er seinen Bruder nicht nie erlebt. „Hey, was ist denn los?“. Gordon betrat die Küche und setzte sich neben Mick. Er war vom Geschrei wach geworden: „Was ist denn nur los?“. Mick sah seinem alten Freund in die Augen: „Ich weiss es nicht. So habe ich ihn noch nie erlebt…“. Gordon versuchte ihn aufzumuntern: „Hey, du weißt, wie es im Knast ist. Es war keine einfache Zeit für Joey. Nimm ihm das nicht übel, er hat es nicht so gemeint. Morgen tut es ihm bestimmt leid.“ Inzwischen war auch Sam dazu gestossen, die ebenfalls vom Lärm wach geworden war. Schweigend sassen die drei noch eine Weile in der Küche.
 
Es war noch früh am Morgen, als Joey das Haus verliess. Mick war inzwischen auf der Couch eingeschlafen, die anderen waren wieder zu Bett gegangen. Mick schreckte hoch, als die Türe ins Schloss fiel. Er wusste, dass es Joey war und ging ihm nach. Nach wenigen Metern hatte er seinen Bruder und dessen Hund eingeholt. „Hey, wegen gestern. Ich wollte Dich nicht blöd anmachen, ich mache mir einfach Sorgen um Dich“ versuchte Mick das Gespräch aufzunehmen. „Ja, klar. Sorry“ war jedoch alles, was zurückkam. „Wo willst Du hin?“ fragte Mick. „Zu dem Fabrikgelände, wo ich den Toten gefunden habe“. Zusammen betraten sie das leerstehende Gebäude. „Und was suchen wir hier genau?“ fragte Mick seinen Bruder. Joey erklärte Mick, dass er an jenem Abend, als er dem Unbekannten gefolgt war, ein rotes Licht gesehen habe. „Und? Was willst Du damit?“ entgegnete Mick. „Weiss ich doch nicht. Hab Dich ja nicht gebeten, mitzukommen“ fuhr der Jüngere seinen Bruder wieder an. „Hey, sachte Kleiner, sei nicht gleich wieder so aggressiv. Ist ja ok. Wir suchen ein rotes Licht…“.
Die beiden suchten getrennt das Gebäude ab und weil Mick noch immer nicht genau wusste, nach was sie eigentlich suchten, wollte er zu seinem Bruder zurückgehen. Nach einer Weile der Suche sah er ihn in einem Raum stehen. Er ging auf ihn zu: „Hey, Joey, und, was gefunden?“ Der Angesprochene rührte sich nicht und sein Blick ging geradeaus an die Wand. Mick kam dem Raum immer näher und plötzlich erkannte er, dass es sich um eine Dunkelkammer handelte, in welchem offenbar Fotos entwickelt wurden. Der Raum war voller Fotos. An den Wänden, an Leinen durch den Raum, an der Decke, überall waren Fotos und Zeitungsausschnitte. Und es waren alles Bilder von Joey. Fotos, die ihn mit Mick zeigten, mit Benjy am Strand, mit Freunden, Fotos von der Party auf der Yacht. Doch auch alte Fotos, die mindestens 10 Jahre alt sein mussten. Aus der High-School-Zeit, von seinen ersten Surfwettbewerben. Dazwischen hingen immer wieder Zeitungsausschnitte. Ein Bericht über die Ermordung der Eltern von Mick und Joey. Joey hielt ein Stück Papier in der Hand. Es war ein Foto von ihm und seinem verstorbenen Freund Ray. Angeheftet an einem Artikel über den Autounfall, bei dem Ray umgekommen war. Mick erfasste die Situation am schnellsten und legte eine Hand auf die Schulter seines Bruders. Joey starrte an die Wand. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Das, was er sah, würde ja bedeuten, dass ihn seit Jahren jemand beobachtete…
 
Einige Zeit später, Mick hatte inzwischen Louis informiert, stand Joey noch immer wie angewurzelt in der Dunkelkammer und betrachtete die Bilder. Er schaute sich jeden einzelnen Artikel und jedes kleinste Bild genau an, als er plötzlich einen bestimmten Artikel von der Wand riss. „Hey, warte, bis die Spurensicherung hier war“, ermahnte ihn sein Bruder. – „Die haben noch genug Material…“ sagte Joey nur und lief an seinem Bruder vorbei Richtung Ausgang. „Joey, warte hier bis Louis kommt. Er hat vielleicht ein paar Fragen!“ – „Was für Fragen? Was will er schon fragen. Wer die Leute auf den Bildern sind?! Ist ja wohl klar“. Joey verliess das Gebäude und die Türe fiel laut ins Schloss. Zurück blieb ein verwirrter Mick.
 
Als der ältere Barrett einige Stunden später wieder zum Strandhaus zurückkam, begegnete er Sam und Gordon, die gerade in die Stadt wollten. Er unterrichtete sie über das Geschehene. „Ist Joey im Haus?“ fragte er, nachdem er die beiden aufgeklärt hatte. „Nein, er war nicht hier“ erwiderte Gordon. „Was?“ schrie Mick sogleich auf. „Nicht hier?!“. Mick sorgte sich sehr um seinen Bruder. Denn obwohl Joey noch nicht tätlich angegriffen wurde, wurde er offensichtlich beobachtet. Und niemand wusste, was als nächstes geschehen würde. Mick war sich nicht sicher, ob sein kleiner Bruder die Situation mal wieder völlig unterschätzte oder was er vorhatte. Er wusste nur, dass Joey anders war in den letzten Wochen. Er konnte nicht einfach abwarten und so beschloss er, sich auf die Suche nach seinem Bruder zu machen.
 
Doch Joey unterschätzte die Situation nicht. Im Gegenteil. Er war wild entschlossen, dem ganzen Spuk ein Ende zu bereiten. Wer auch immer für all das verantwortlich war, er sollte dafür büssen. Und er hatte schon einen Anhaltspunkt.
 
Gegen Abend - Louis, Sam, Gordon und Mick sassen in der Küche zusammen und warteten auf Joey – kam der jüngere Barrett wieder zum Strandhaus. Als die Tür ins Schloss fiel, sprang Mick vom Stuhl auf und rannte zur Tür. „Verdammt, wo warst du?“ rief ihm Mick entgegen. „Weg.“ – „Das haben wir bemerkt!“. Joey wollte an seinem Bruder vorbei, als ihn dieser zurückhielt: „Hey, meinst Du nicht, du schuldest uns ein paar Antworten?“ – „Nein, auf welche Fragen denn? Ich weiss auch nicht, wer die Briefe schreibt. Ich weiss auch nicht, wer die Leute umgelegt hat. Und ich weiss genauso wenig wie ihr, wer die Bilder entwickelt hat. Also, welche Fragen?!“. Joey wollte davon laufen, doch sein Bruder hielt ihn noch immer am Arm zurück. „Du machst es dir verdammt einfach, Joey, zu einfach“ sagte Mick in gereiztem Ton. „Ich verstehe, dass die letzten Tage nicht einfach waren für dich, aber es geht hier darum, dass wir das alles aufklären können. Und dabei benötigen wir deine Hilfe! Verdammt noch mal! Joey, was ist nur los?“ – „Ich kann dir echt nicht helfen, ich weiss auch nichts. Ich kann jetzt nicht mehr“. Joey riss sich von Mick los und verliess den Raum.
Er war in der Tat müde. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal ruhig geschlafen hatte. Er legte sich auf sein Bett und starrte an die Decke. Geistig liess er die Ereignisse
Revue passieren: Seit diese Briefe kamen, hatte er eigentlich keine ruhige Minute mehr. Der nächtliche Einbruch, die Toten, das Gefängnis. Benjy legte sich neben ihn und er kraulte das Fell seines Hundes. Obwohl ihm Tausend Gedanken durch den Kopf gingen, schlief er ein.
 
Mick sass auf der Terrasse und überlegte hin und her, doch wurde er aus der Situation nicht schlau. Vor allem verstand er nicht, warum sein Bruder so aggressiv und abweisend zu ihm war. „Hey, Mick“, Sam setzte sich neben ihm auf einen Stuhl. „Wir haben euer Gespräch mitgehört. Bist besorgt, was?“ – „Ja, klar. Die Situation ist beunruhigend. Aber ich mache mir mehr Sorgen um Joey…“ – „Ja, ich weiss“ – „Was ist nur los mit ihm…?“ Mick blickte Sam fragend an. „Gib ihm Zeit. Er ist doch völlig fertig. All die Ereignisse und dann die U-Haft. Er hat seit Tagen nicht geschlafen, er ist psychisch und physisch am Ende. Du weißt, wie die Verhöre ablaufen, wenn man unter Mordverdacht steht…Das steckt keiner so einfach weg. Und schon gar nicht Joey, und schon gar nicht, wenn man unschuldig ist“ versuchte Sam zu trösten. Nach einer Weile der Stille meinte Mick: „Ja, du hast recht. Ich geh mal nach ihm schauen“. Mick erhob sich und machte sich auf den Weg zum Zimmer seines Bruders. Die Türe stand einen Spalt offen und er betrat den Raum. Er sah seinen Bruder schlafend auf dem Bett, einen Arm um seinen Hund gelegt. Leise setzte sich Mick auf die Bettkante. Er betrachtete seinen kleinen Bruder und seine Sorge um ihn wuchs. Er wusste, dass Joey im Grunde ein herzensguter Mensch war. Während er, Mick, immer misstrauisch, verschlossen und reserviert war, war sein Bruder genau das Gegenteil. Wie schlimm musste es also für ihn sein, des dreifachen Mordes beschuldigt zu werden. Er, der keiner Fliege was zu leiden tun konnte. Er schaute in das gezeichnete Gesicht von Joey. Dieser war noch immer sehr blass und die Narben waren noch immer nicht verheilt. Sachte legte er eine Decke über das Bett und schloss die Fensterläden. Danach setzte er sich einfach neben dem Bett auf einen Stuhl. Da sass er bis spät in die Nacht.
 
Am nächsten Morgen ging Mick als erstes wieder zu seinem Bruder, doch dieser schlief noch immer tief und fest. So ging er in die Küche und bereitete das Frühstück zu. Es war schon gegen Mittag, als Joey aufstand und nach einer Weile ebenfalls in die Küche kam, wo inzwischen auch Gordon und Sam sassen. „Hallo“ sagte Joey leise und nahm sich eine Tasse Kaffee. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, doch Joey wusste nicht, was er sagen sollte. Nach einer Weile entschuldigte er sich bei Gordon, weil er diesen ohne Begrüssung am Abend seiner Entlassung einfach hatte stehen lassen. „Hey, ist doch kein Problem mein Junge! Hauptsache, du bist wieder hier!“. Joey lächelte ihn zaghaft, aber dankbar an und schaute vorsichtig zu seinem älteren Bruder. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er so unfreundlich zu seinem Bruder gewesen war, dabei war dieser doch der einzige Mensch, der immer für ihn da war. Joey warf ihm einen entschuldigenden Blick zu. Mick war sichtlich erleichtert, denn Joey sah zwar noch immer sehr erschöpft aus, doch wenigstens war ihm ein Lächeln abzuringen und er nahm die wortlose Entschuldigung an und nickte seinem kleinen Bruder zu. Das Grüppchen sass noch einige Stunden zusammen und sprach über die Ereignisse und zum ersten Mal erfuhren die anderen von Joey, wie alles abgelaufen war. Nach einer Weile ging Mick raus, um die Post zu holen und als er wieder zurückkam, hielt er einen Umschlag in der Hand. Joey sah den Blick seines Bruders und er wusste, was es war. Mick legte den Brief auf den Tisch. Joey nahm den Umschlag, riss ihn langsam auf und faltete ein Blatt Papier auseinander:
„Hallo Joey. Wie war’s im Knast? Das war nur ein kleiner Vorgeschmack, auf das, was noch kommen wird. Du wirst dafür büssen, was du getan hast. Genauso wie dein Freund Ray.“
Joey las den Brief ein paar Mal durch, bevor er ihn auf den Tisch legte. Als die anderen einen Blick darauf geworfen hatten, sagte Joey in überraschend gefasstem Ton: „Das heisst, dass Ray’s Autounfall gar kein Unfall war. Er wurde umgebracht.“
 
 
 
Es vergingen einige Minuten, in denen niemand wagte, das Wort zu ergreifen. Denn alle wussten, was Joey durchgemacht hatte, als er von Rays Tod erfuhr. Bis anhin hatten alle geglaubt, Ray sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Er war damals auf dem Weg zu Joey und die Familie machte ihm schwere Vorwürfe deswegen. Es brauchte damals viel Zeit, bis Joey erkannte, dass ihn keine Schuld traf am Tod seines besten Freundes. Und nun, binnen Sekunden, sah alles anders aus. Mick legte Joey die Hand auf die Schulter und merkte, dass sein kleiner Bruder zitterte. Er tat ihm so unendlich leid. Joey stand plötzlich auf und verliess wortlos das Haus. Mick wollte ihm eigentlich folgen, doch wusste er auch, dass sein Bruder nun allein sein wollte. Dieser Brief veränderte die ganze Situation.
 
Nachdem Joey das Haus verlassen hatte, lief er hinunter zum Strand. Er kämpfte mit den Tränen. Er war verzweifelt und wusste nicht weiter. Er hatte schon öfter das Gefühl, nicht mehr weiter zu wissen, doch immer war da noch sein Bruder, der ihm half. Doch dieses Mal war es etwas anderes. Es ging einzig und allein um ihn. Nicht um seinen Bruder, nicht um seine Freunde. Sondern um ihn. Und er beschloss, dass das Ganze auch seine Angelegenheit blieb. Er wollte nicht noch mehr Leute mit hineinziehen. Diesen Kampf musste er alleine austragen. Ohne seinen Bruder.
 
Es war schon fast dunkel, als Joey zurück zum Strandhaus ging. Er ging in sein Zimmer und holte eine Kiste hervor. Darin befanden sich Erinnerungsstücke, alte Schuljahrbücher und so einiges Zeug, das sich den letzten Jahren angesammelt hatte. Seit dem Vorfall mit den Fotos hatte er eine Spur. Und diese hiess Vergangenheit. Wollte er den Schuldigen finden, musste er ihn in seiner Vergangenheit suchen. Und als er die alten Sachen anschaute, wurde ihm auch wieder bewusst, dass er Mick nicht hineinziehen konnte. Es waren zu viele Dinge geschehen in seiner Vergangenheit, von denen sein Bruder nichts wusste. Es war damals weder für ihn noch für seinen Bruder eine leichte Zeit. Joey war damals des Öfteren auf die schiefe Bahn geraten. Und er wollte Mick die Details aus dieser Zeit ersparen. Es war damals nur dem Umstand zu verdanken, dass Mick Polizist war und Joey deshalb immer glimpflich davon kam. Und der jüngere Barett wusste auch, dass sich sein Bruder deswegen oft heute noch Vorwürfe machte. Denn er hatte damals einfach zu wenig Zeit für Joey. Das war auch der Grund, weshalb Mick Ray nicht leiden konnte, denn dieser hatte Joey immer wieder in gefährliche Situationen gebracht. Doch Mick wusste bei Weitem nicht alle Dummheiten, die sie damals zusammen angestellt hatten. Es waren einige Dinge dabei, die er seinem Bruder noch heute nicht erzählen würde. Und da war diese eine bestimmte Sache.
 
„Hey, Essen ist fertig!“, mit diesen Worten wurde Joey aus seinen Gedanken gerissen. Mick streckte den Kopf ins Zimmer. „Danke. Ich komme“ – „Sam hat dein Lieblingsessen gemacht. Na, was sagst Du?“ – „Ja, cool“. Joey stand auf und lief an seinem Bruder vorbei nach unten. Er hatte keinen Hunger, doch seine Freunde gaben sich solche Mühe, dass er sie nicht enttäuschen wollte. Also bemühte er sich um gute Stimmung, doch die Gedanken gingen ihm nicht aus dem Kopf und so kam ihm das Essen eher wie eine Henkersmahlzeit vor. „Danke Sam, ist wirklich nett von Dir“ – „Hey, das mache ich doch gerne für dich. Aber schmeckt es dir nicht?“ – „Ähm, doch doch, aber…“ Joey rang nach Worten. „Hast wohl keinen Hunger, Junge“ schaltete sich Gordon ein. Joey sah ihn dankend an. Er brachte wirklich keinen Bissen runter, denn nur schon die Vorstellung, was das Nächste sein würde, das ihm widerfährt, löste in ihm Übelkeit aus. „Aber Du musst doch was essen“ meinte Mick besorgt. „Ähm, ja, vielleicht später, sorry“. Mit diesen Worten verliess Joey den Tisch und liess einmal mehr seine Freunde zurück, die sich immer grössere Sorgen machten.
 
Joey ging wieder auf sein Zimmer. Er wusste, dass er nichts anderes tun konnte, als abzuwarten, was als nächstes passieren würde. Und dies sollte schneller geschehen, als allen lieb war.
 
Am nächsten Tag ging Joey zusammen mit Mick zu Louis. Sie wollten sich nochmals alle Hinweise und Spuren anschauen, die sie bis anhin entdeckt hatten. Sam und Gordon waren indessen unterwegs, um einige Besorgungen zu machen. Als Mick und sein kleiner Bruder gegen Mittag wieder nach Hause kamen, stand die Haustüre offen. Beide wussten, was das bedeuten konnte. Mick nahm seine Waffe und Joey tat dasselbe. Sie schlichen langsam um das Haus zum Hintereingang. Mick betrat die Terrasse, sein Bruder folgte ihm. Als sie das Haus betraten, sah sich Mick im Erdgeschoss um, während Joey die Treppe hinauflief. „Joey, niemand hier. Und bei Dir“, Mick war sich sicher, dass niemand mehr im Haus war. Doch plötzlich kam ihm in den Sinn, dass Benji eigentlich im Haus sein müsste. Sie hatten den Hund zuhause gelassen. Mick beschlich eine furchtbare Vorahnung und er stürzte die Treppe hoch. „Joey! Joey!“ schrie er immer wieder. Keine Antwort. Mick rannte in das Zimmer seines Bruders. Dieser kniete vor ihm auf dem Boden. Mick sah auf und sah, dass die Wände verschmiert waren, rot, es sah aus wie Blut. „Du wirst sterben! Du wirst leiden wie (d)ein Hund!“ Langsam ging Mick auf Joey zu. Da sah er das Unfassbare: Auf dem Boden lag Joeys Hund, oder vielmehr, was davon noch übrig war. In diesem Augenblick hörte Mick die Stimme von Sam: „Hallo? Jemand zuhause?“. „Ruf die Polizei“ schrie Mick nach unten. Sam und Gordon stürzten die Treppe hoch in Joeys Zimmer. „Mein Gott“ entfuhr es Gordon. Als Sam den Hund erblickte, stürzte sie aus dem Zimmer. Da stand Joey wortlos auf, lief an Gordon und Mick vorbei und die Treppe hinunter. Er verzog dabei keine Miene. Ohne ein Regung und ohne ein Wort verliess er das Haus, noch ehe die anderen begriffen, was geschehen war.
 
Es war Nacht, bis die Spurensicherung wieder weg war. Nur Louis war noch da. „Wo ist er?“ – „Keine Ahnung“ antwortet Mick. „Er ist wortlos gegangen. Ich habe noch nie diesen Ausdruck in seinem Gesicht gesehen, regungslos“. Mick hatte grosse Angst um seinen kleinen Bruder. Dieser offenbarte ihm eine völlig neue Seite. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er keine Ahnung, was sein Bruder dachte.
 
Es war nach Mitternacht, als Joey zum Strandhaus zurückkehrte. Als er das Haus betrat, sah er Mick auf dem Sofa sitzen. Dieser sagte kein Wort, sondern schaute ihn nur an. Eigentlich wollte Joey nicht reden, doch er schuldete es seinem Bruder. Also setzte er sich neben ihn, wortlos. Eine Weile sassen sie schweigend da. Joey schaute seinen grossen Bruder an. Diesem liefen die Tränen über die Wangen. „Es tut mir leid“ brach es plötzlich aus dem jüngeren Barett heraus. Überrascht schaut Mick ihn an: „Bitte? Dir tut es leid? He, Kleiner, du kannst doch nichts dafür. Du bist der Leidtragende an der ganzen Geschichte“ – „Nein, ich bin selbst Schuld.“ – „Was redest du da!?“ – „Es ist so. Ich kann es dir nicht erklären, aber es ist alles meine Schuld. Ich habe vor Jahren eine grosse Dummheit gemacht. Und…und….ich bin Schuld. Ich will nicht, dass Du dafür büssen musst. Ich…“ Joey zitterte am ganzen Leib. Sein Bruder legte den Arm um ihn: „He, schau mich an. Es ist nicht deine Schuld! Und wir finden den Psycho. Keine Angst. Doch von was für einer Dummheit sprichst du?“ – „Ich…ich kann es dir nicht sagen. Aber…aber ich will nicht, dass du oder Sam oder sonst wer dafür büssen muss. Ich mache das alles wieder gut, ehrlich…“ – „Hey, komm her. Du bist ja völlig fertig. Weißt du mehr als wir? Dann musst Du es sagen.“ – „Nein…, ich…ich…“. Mick sah seinem Bruder an, dass dieser am Ende war und er wollte ihn nicht noch mehr aufregen. So sassen sie einfach noch eine Weile da. Es war eine beunruhigende Stille.
 
Am nächsten Morgen sassen alle in der Küche. Joey und Mick hatten kein Auge zugetan. „Hey Joey, es tut mir so Leid wegen deinem Hund. Ich bin fassungslos…“, versuchte Gordon sein Beileid auszudrücken. Auch er sah sehr mitgenommen aus. Er hatte in seinen aktiven Jahren als Agent schon einiges erlebt, doch was hier mit seinen Freunden passierte, ging ihm sehr nahe. Besonders, da die beiden für ihn so etwas wie Söhne waren. Und besonders Joey hatte er ins Herz geschlossen, weil dieser immer so lebenslustig und aufgestellt war. Es brach ihm fast das Herz, ihn so zu sehen. Ungewohnt kühl antwortet Joey: „Ja, was soll’s. War ja nur ein Hund“. Mit diesen Worten verliess er die Küche. Alle wussten, dass er dies nicht ernst meinte. Doch wie sonst sollte er mit all den Schlägen in der letzten Zeit umgehen. Joey war sichtlich abgestumpft, er zeigte keine Gefühle mehr, er war kalt und liess niemanden mehr an sich heran. Sam wusste, dass Mick genau das gleiche dachte wie sie auch. „Mick, das ist gefährlich. Schau ihn an. Du kennst dich aus. Du weißt, was das bedeutet“. Mick und auch Gordon wussten, was Sam meinte. Sie alle hatten dies in ihrer aktiven Zeit bei der Polizei gelernt: Steht ein Mensch längere Zeit unter enormen psychischen Druck, wird er zunehmend gefühlskalt. Das macht diese Menschen unberechenbar.
 
Joey wollte inzwischen die Post holen. Und da war es wieder so weit. Ein weisser Umschlag. Joey öffnete den Brief regungslos. „Hallo Joey. Du hast meine Botschaft erhalten. Als nächstes sind dein Bruder und seine hübsche Freundin dran“. Schnellen Schrittes ging Joey ins Haus zurück. Er hatte einen Entschluss gefasst. Er musste Schlimmeres verhindern. Eine Stunde später verliess Joey das Haus, ohne den anderen mitzuteilen, was er vorhatte. Als es eindunkelte, wurde Mick unruhig. Er ging in Joeys Zimmer und setzte sich auf das Bett. Da sah er den Brief. Er nahm den Umschlag und las den Inhalt des Briefes. Er sprang auf und rannte zum Telefon, um Louis anzurufen. Er wusste, dass es jetzt ernst wurde.
 
Es vergingen drei Tage ohne jegliche Nachricht oder ein Lebenszeichen von Joey. Mick, Gordon, Sam und auch Louis suchten verzweifelt nach ihm. Mick war schlaflos vor Angst. Er wusste, dass sein Bruder gegangen war, um sie zu schützen. Und nach dem letzten Gespräch wusste er auch, dass sein kleiner Bruder mehr wusste, als er zugab.
 
Dieser war sich inzwischen sicher, den Schuldigen gefunden zu haben. In den vergangenen Tagen hatte er ohne das Wissen seiner Freunde eigene Recherchen angestellt. Und ein Telefonat mit einem alten Schulfreund stützte seine Vermutung. Er war in einem Motel untergekommen. Sein Bruder und seine Freunde sollten nicht seinetwegen in unnötige Gefahr geraten. Zuviel war bereits geschehen. Doch er beschloss, seinem Bruder zu sagen, dass es ihm gut gehe und dass er die Sache „erledigen“ werde.
Mick und seine Freunde berieten sich im Strandhaus, als das Telefon klingelte. „Hallo?“ – „Ich bin’s“ – „Joey, wo bist du? Geht es dir gut?“ – „Ja, alles ok“ – „Komm nach Hause.“ – „Nein, das ist meine Sache. Ich will nicht, dass ihr da reingezogen werdet. Er will mich.“ – „Wer ist er? Was ist los?“ – „Ich kann es nicht sagen. Du…du…würdest es nicht verstehen“ – „Komm nach Haus und wir reden darüber. Joey, du bist in grosser Gefahr!“ – „Nein, das Blatt hat sich gewendet. Es tut mir leid“. Mit diesen Worten legte er auf.
 
Die anderen hatten das Telefonat über den Lautsprecher mitgehört. Louis reagierte als erster: „Ihr wisst, was das bedeutet. Der Täter wollte Joey so weit bringen, dass er ihn aufsucht. Das Ganze muss von langer Hand geplant gewesen sein. Er übte so lange Druck auf ihn aus, bis er sich beugte. Und dieser Brief hier gab Joey den Rest. Er wird erwartet. Wir müssen ihn suchen, bevor…“. Weiter konnte Louis nicht sprechen. Alle wussten um den Ernst der Lage, es galt nun zu handeln.
 
Inzwischen war Joey an dem Haus angekommen, das er in den letzten Tages beobachtet hatte. Es war nach Mitternacht und nur der Schein einer Strassenlaterne brachte etwas Licht in die dunkle Szenerie. Das Haus wurde von einem älteren Mann namens Miller bewohnt. Joey kauerte sich hinter dem Haus in ein Versteck. Als er in der Stille so dasass, liefen die Bilder vor seinem geistigen Auge ab, die sich vor Jahren zugetragen hatten und weswegen er jetzt hier war.
 
***
Joey war gerade 17 Jahre alt und es war die Zeit, als er zusammen mit seinen Freunden immer wieder in Schwierigkeiten geriet. Mit seinem Bruder verstand er sich nicht sehr gut, da dieser als Polizist oft unterwegs war. So waren Joeys Freunde seine Familie geworden, nachdem seine Eltern sieben Jahre zuvor ermordet worden waren. Mit seinen Kumpels drehte er einige krumme Geschichten. Sie raubten Tankstellen aus, bestahlen Touristen am Strand oder klauten Autos, um Rennen zu veranstalten. Und genau ein solches Rennen sollte an jenem Abend wieder stattfinden. Eine Gruppe junger Leute traf sich jeweils auf einem stillgelegten Flugplatz. An jenem Abend hatte Joey mit seinem Bruder wieder einmal eine Auseinandersetzung, denn dieser wollte nicht, dass er schon wieder ausging. Zumal er wieder einen Verweis von der Schule erhalten hatte. Sie stritten sich solange bis Mick zum Dienst musste. Er dachte, dass sein kleiner Bruder zuhause bleiben würde, doch dieser schlich sich aus dem Haus und traf sich mit seinen Freunden. Zusammen mit Ray klaute er ein Auto und sie fuhren zum Flugplatz. Heute war Joey an der Reihe. Er durfte das erste Rennen fahren. Als er im Wagen sass, kam Tom Miller, ein anderer Kumpel aus der Clique auf ihn zu: „Hey, kann ich mitfahren.“ – „Nein, du bist noch nie gefahren. Das geht nicht“ – „Ach komm schon. Lass mich mitfahren. Ich störe dich auch nicht“ – „Ok, dann steig ein“. Joey wusste, wie versessen er damals darauf war, bei Ray mitzufahren. Tom war erst 15 und durfte nicht selber fahren, deshalb nahm ihn Joey schliesslich mit. Das Rennen ging los und Joey lag klar in Führung, er war ein guter Fahrer. Beim Wendepunkt verlor er jedoch die Herrschaft über den Wagen. Er flog aus der Kurve und der Wagen überschlug sich. Sekunden später waren die anderen am Unfallort angekommen. Sie zerrten Joey aus dem Wagen. Joey war bei Bewusstsein und sagte nur: „Holt Tom raus!“. Doch dieser war im Auto eingequetscht, er war bewusstlos und es sah nicht gut aus. „Scheisse, wir bringen ihn nicht raus“ schrie jemand. In diesem Moment ertönten Polizeisirenen, jemand musste Alarm geschlagen haben. Ray zerrte Joey hoch: „Du musst verschwinden! In ein paar Minuten taucht dein Bruder hier auf! Der macht dich alle! – „Aber, aber Tom…“ Joey stand unter Schock. „Danny, komm her“ schrie Ray nur, „schaff Joey weg“. Joey liess sich mitreissen und noch ehe er sich versah, sass er im Auto eines Freundes. Was danach geschah, daran konnte sich Joey nur vage erinnern. Nur so viel: Tom war noch auf der Unfallstelle verstorben, Ray hatte die Schuld auf sich genommen und wurde in den Jugendknast gesteckt. Joey sah das Gesicht von Mick vor sich, als dieser ihm alles erzählte: „Ich habe dir immer gesagt, halte dich von diesem Ray fern. Der ist kriminell und jetzt hat er auch noch ein Menschenleben auf dem Gewissen. Sei froh, dass du an jenem Abend zuhause warst!“
 
***
 
Joey flüsterte die Worte leise vor sich hin. Er hatte Mick nie die Wahrheit gesagt, nie gesagt, dass er es war, der Tom auf dem Gewissen hatte. Er hatte sich nie getraut, denn er wusste, wie sehr er seinen Bruder damit enttäuschen würde.
Und jetzt sass er hinter dem Haus, in dem sich Henry Miller befand.
 
Als Joey bewusst geworden war, dass ihn jemand bestrafen wollte, wusste er sofort, dass es sich um den Vater von Tom handelte. Er konnte sich noch an die Gerichtsversammlung erinnern, in der Ray verurteilt worden war. Joey war hingegangen, um das Ganze aufzudecken, doch sein bester Freund hielt ihn zurück: „Joey, lass gut sein. Du hast schon genug durchgemacht. Wenn alles rauskommt, verlierst du auch noch deinen Bruder. Versprich mir, dass du nichts sagst“. Toms Vater war damals ebenfalls im Gericht und Joey sah den hasserfüllten Ausdruck in seinen Augen. Nachdem Ray verurteilt worden war, kam Toms Vater zu Joey: „Du und dein Freund, ihr werdet büssen! Ich weiss, dass alles deine Schuld war! Du kannst dich nicht immer hinter deinem Bruder verstecken. Eines Tages kriege ich Dich!“.
 
Nun stand Joey vor dem Haus, und er wusste, was zu tun war. Er würde nicht zulassen, dass dieser Mann, der seinen besten Freund, Sandy, zwei unschuldige Männer und seinen Hund umgebracht hatte, auch seinem Bruder etwas antun würde. Joey konnte keinen klaren Gedanken fassen, zu viel war in den letzten Tagen geschehen. Er war erschöpft und wollte nach Hause. Doch er wusste, dass er hier zuerst etwas zu erledigen hatte. Also kletterte er durch ein Kellerfenster ins Innere des Hauses. Er hatte sich in den letzten Tagen einen Plan zurecht gelegt.
 
Inzwischen waren Mick und die anderen im Revier angekommen. Sie wollten sich nochmals alle Details anschauen. Sie sassen in Louis Büro, als dieser hereingestürzt kam: „Wir haben ihn! Wir haben Fingerabdrücke an der Wand gefunden! Es handelt sich um einen gewissen Jimmy Miller. Mick, sagt dir der Name was? Er ist 25 Jahre alt, in Joeys Alter“. – „Miller, Miller. Nein. Keine Ahnung“ – „Denk nach!“. Mick versuchte sich an den Namen zu erinnern. Plötzlich hat er eine Ahnung: „Der Zeitungsartikel!“ – „Welcher Zeitungsartikel?“ fragte Louis. Doch Mick schrie nur: „Schnell zum Strandhaus“.

Dort angekommen rannte Mick hoch in Joeys Zimmer. Vor einigen Tagen, als er Joey zum Essen holte, sass dieser auf dem Boden und schaute Fotos von früher an. Mick dachte damals, er schaue sich Fotos von ihrer Kindheit an und wollte nicht nachfragen. Doch als Joey an ihm vorbei nach unten ging, hatte Mick einen Blick in die Schachtel geworfen. Und er glaubte sich zu erinnern, einen Zeitungsartikel gesehen zu haben, auf dem „Miller“ zu lesen war. Er suchte die Schachtel und als er sie gefunden hatte, durchwühlte er hastig die Sachen. Da, der Zeitungsausschnitt: „Illegale Autorennen: Warum der junge Tom Miller sterben musste“. Plötzlich konnte sich Mick an den Vorfall erinnern. Das war damals eine schreckliche Geschichte. Joey war mit dem Jungen befreundet und Ray war Schuld an dessen Tod. Das könnte erklären, warum Joey den Artikel aufbewahrte. Doch wer war Jimmy Miller?
 
Stunden später war alles klar. Louis hatte herausgefunden, dass Jimmy der Bruder von Tom war. „Wieso Joey? Er hatte mit dem Unfall doch nichts zu tun. Er war in dieser Nacht zuhause. Das weiss ich“ fragte Mick nur. Sam und Gordon schauten sich an. „Mick, bist du sicher?“ – „Was soll das?“ brauste Mick auf. „Wollt ihr etwa sagen, Joey hätte mich belogen?“. „Mick, das ist ein klarer Fall von Rache, den wir hier haben. Dieser Jimmy will sich rächen. Er hat Ray umgebracht und nun terrorisiert er Joey. Warum?“ – „Was weiss ich…“ versuchte sich Mick zu rechtfertigen, „vielleicht will er allen Freunden von Ray schaden…oder…“. Mick sah es ein. Es musste eine andere Erklärung geben. Mick verliess den Raum und Sam folgte ihm. Mick musste raus, er brauchte frische Luft. Er setzte sich auf die Terrasse und konnte seine Tränen nicht länger zurückhalten. Soeben war ihm klar geworden, dass ihn sein Bruder belogen hatte. Doch warum? Wieso? Sie hatten damals oft Streit, aber das warum hatte sein Bruder nichts gesagt. „Hey“ Sam setzte sich neben Mick. „Warum? Wieso hat er nichts gesagt?“ – „Mick, das heisst noch lange nicht, dass Joey Schuld am Unfall hatte damals. Er war vielleicht einfach dabei“ – „Nein Sam, wäre er nur dabei gewesen, würde ihn niemand umbringen wollen. Wieso hat er nie etwas gesagt? Und dass er jetzt nicht mit mir gesprochen hat, passt auch.“ – „Mick, dein Bruder hatte nur dich in dieser schweren Zeit. Du warst sein Vorbild. Er wollte dich nicht enttäuschen. Er hatte vielleicht Angst, dich auch noch zu verlieren, wenn du wüsstest, was er alles angestellt hat. Du warst ein Cop!“. Mick wusste, dass Sam Recht hatte. Und er war auch nicht wütend auf seinen kleinen Bruder. Er hasste ihn nicht dafür, er machte sich nur unendliche Sorgen. Den einzigen Vorwurf, den er ihm machte, war, dass er nie etwas gesagt hatte. Hätte er die Wahrheit gesagt, wären sie heute nicht in dieser Situation. Und sein Bruder musste doch wissen, dass er immer zu ihm stehen würde. Oder hatte er ihn schon einmal enttäuscht? Fragen über Fragen gingen Mick durch den Kopf. Doch er wusste, dass es dafür zu spät war. Sie mussten diesen Jimmy finden, bevor er Joey umbringen würde.
 
Inzwischen war Joey ins Haus vorgedrungen. Er wusste, dass Henry Miller zuhause war. Mit der Waffe im Anschlag schlich er ins Arbeitszimmer, wo Licht brannte. Er sah eine Gestalt auf einem Stuhl sitzen. Der Mann war etwas über 50 Jahre alt, graue Haare. Joey musste sich beherrschen, um nicht direkt auf den Mann loszugehen. „Sie mieses Schwein“ entfuhr es ihm und er richtete die Waffe auf den Körper des Mannes. Der Mann blickte erschrocken auf. Nachdem er sich gefasst hatte, lehnte er sich zurück. „Joey Barett. So schnell hatte ich dich nicht erwartet“ – „Sie miese Ratte!“ – „Wer ist hier die Ratte? Du hast meinen Sohn auf dem Gewissen. Ich habe es immer gewusst. Du hast ihn umgebracht und konntest nicht einmal dazu stehen!“ – „Es…es war ein Unfall“, Joey begann zu zittern. „Es war kein Unfall, das war Mord! Und dafür wirst du büssen“. Der Mann blieb ausgesprochen ruhig. „Nein, ich leg sie um. Sie werden meinem Bruder nichts antun. Das lasse ich nicht zu!“ – „Wie mutig, du willst deinen Bruder schützen. Er wird enttäuscht sein von dir, wenn du grundlos einen alten Mann umbringst“. Joey wollte sich nicht in ein Gespräch verwickeln lassen, das hatte er sich vorgenommen. Doch ehe er sich versah, wurde er von hinten niedergeschlagen.
 
Als er wieder bei Bewusstsein war, lag er gefesselt auf dem Boden. Er schaute sich um und blickte in ein ihm unbekanntes Gesicht. „Na, du kleiner Mörder“ schrie der Unbekannte ihn an und versetzte ihm einen Tritt in den Bauch. Joey krümmte sich vor Schmerzen. „Hast wohl nicht damit gerechnet, dass wir zu zweit sind, was“. Und wieder versetzte er Joey einen Tritt. „Es war eine Freude, deine kleine Freundin umzubringen. Und es war ein Vergnügen, das Auto deines Freundes zu manipulieren. Du hättest sehen sollen, wie er elend draufgegangen ist! Doch was rede ich, du wirst das alles noch sehen“. Immer und immer wieder schlug er auf Joey ein. Das Blut lief ihm über das Gesicht und er stöhnte vor Schmerzen. „Hey, Jimmy, lass ihn am Leben. Wir sind noch nicht fertig mit ihm“ hörte Joey die Stimme von Henry Miller. „Darf ich dir vorstellen, Barett, dass ist mein Sohn Jimmy, Toms jüngerer Bruder“. Joey wusste nicht, dass Tom einen Bruder hatte. „Ja, da schaust du, was? Du bist nicht der Einzige, der alles für seinen Bruder tun würde. Aber dein Bruder ist noch am Leben. Jimmys Bruder, mein Sohn, nicht mehr, weil DU ihn auf dem Gewissen hast. Und dafür wirst du nun büssen! Aber du sollst leiden, wie unser Tom gelitten hat, als er im Auto eingeklemmt war!“ Jimmy riss Joey hoch. Dieser konnte kaum stehen, so übel war er schon zugerichtet worden. „Komm, du Schwein, wir schauen ein bisschen fern!“.
 
Inzwischen versuchten Sam, Louis, Gordon und Mick etwas über diesen Jimmy Miller herauszufinden. Doch sie fanden weder eine Adresse, noch sonst einen Anhaltspunkt von ihm. Die Zeit lief ihnen davon, ohne dass sie es wussten.
 
Joey war von den Männern in einen anderen Raum geschleppt worden, in dessen Mitte ein Fernseher stand. „So, nun wirst du sehen, wie deine Freunde gestorben sind. Und du alleine bist Schuld daran!“. Mit diesen Worten schaltete der ältere Mann den Fernseher an und was in den folgenden Minuten darauf zu sehen war, würde Joey sein ganzes Leben lang nicht mehr vergessen. Es waren Videoaufnahmen von Rays Unfall, von seinem Tod, von Sandys Tod, Bilder vom Strandhaus, Aufnahmen, wie Benjy regelrecht abgemetzelt wurde. Joey konnte nicht wegschauen. Noch nie in seinem Leben hatte er einen so unbändigen Hass verspürt. Plötzlich waren Aufnahmen von einem Grab zu sehen. „Schau her, das ist das Grab meines Sohnes“ schrie ihm der ältere Mann ins Ohr. „Es ist auf einem Hügel, nicht weit von hier. Bald wirst du es sehen. Tom soll zuschauen, wie wir dich umbringen!“. Joey kannte den Platz. Als schliesslich wieder und wieder Rays Gesicht gezeigt wurde, versuchte er sich verzweifelt zu befreien. Doch der jüngere Mann schlug ihn wieder nieder. Als Joey wieder aufwachte, war er wieder in einem anderen Raum, im Kamin brannte Feuer. Er wusste, dass er hier raus musste, sonst würde er nicht mehr lange leben. Er versuchte sich zu befreien, seine Hände waren mit einem Seil gefesselt, mit Klebeband war sein Mund zugeklebt. Er schaute sich um. Er erblickte das Feuer. Das war seine einzige Rettung. Mit Mühe schleppte er sich zum Kamin, er hielt die Fesseln ins Feuer. Die Flammen züngelten um seine Handgelenke. Er wollte schreien, so unerträglich waren die Schmerzen. Doch er konnte nicht und nach einer Weile spürte er gar nichts mehr. Die Fesseln waren weg und er riss sich das Band vom Bund. Seine Hände waren blutig, seine Rippen schmerzten. „Ich muss hier raus!“. Am Kamin hing ein Feuerhaken. Er nahm in und lief damit zur Tür. Er musste warten, bis jemand hineinkam, denn die Tür war verschlossen. Nach einigen Minuten hörte er Schritte und er machte sich bereit. „So, du mieses Schwein, kommen wir zum Hauptgang…“. Die Tür öffnete sich und mit aller Kraft schlug Joey mit dem Haken auf den Mann ein, immer und immer wieder, bis dieser regungslos am Boden lag, blutüberströmt. „Jetzt habe ich auch den zweiten Sohn umgebracht“ schoss es Joey durch den Kopf. „Jimmy, was ist da los? Jimmy?“ Plötzlich stand auch der ältere Mann im Raum. Als er sah, was geschehen war, stürzte er sich auf Joey. Er schlug auf ihn ein, mit einer solchen Kraft, dass sich Joey nicht wehren konnte. Er hatte keine Kraft mehr. Überall waren diese Schmerzen. Er dachte nur noch: „Bring mich doch endlich um“. „Du Hurensohn, jetzt hast du mir auch noch meinen zweiten Sohn genommen!“. Endlich liess der Mann von Joey ab. Doch dieser konnte sich nicht mehr rühren. Zusammengekrümmt lag er auf dem Boden. Immer und immer wieder versetzte ihm der Mann Tritte, bis Joey wieder das Bewusstsein verlor.
 
„Da vorne muss es sein, schnell!“ schrie Mick und deute in Richtung eines Hauses. Louis hatte herausgefunden, dass jemand namens Henry Miller in der Nähe eines Berges ein Haus gemietet hatte. Es gab nur diesen einen Miller in der Stadt, somit war das die einzige Hoffnung. Hinter ihnen fuhren zwei Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene, die Louis angefordert hatte. Sam und Gordon folgten ebenfalls. Beim Haus angekommen, stürzte Mick aus dem Wagen zum Haus. Er trat die Tür ein und die anderen folgten ihm. Intuitiv rannte er in den Keller. Er kam in einen Raum, wo ein Feuer brannte. Er stolperte über einen Körper. „Gott sei Dank, es ist nicht Joey“ schoss es ihm durch den Kopf. Doch da sah er in einer Ecke einen weiteren Mann regungslos am Boden liegen. „Schnell, hierher! Er ist hier“. Er stürzte zu seinem Bruder und kniete sich neben ihn. Joey kam langsam wieder zu sich, doch er hatte solche Schmerzen, dass er nicht sprechen konnte. „Du lebst! Beweg dich nicht. Hilfe ist unterwegs. Einen Arzt, schnell“. Doch Joey richtete sich auf und sah sich um. Der ältere Mann war weg. Er musste geflohen sein, bevor die Polizei eintraf. Joey nahm Mick gar nicht wahr. Er versuchte aufzustehen, doch es gelang ihm nicht. Blut lief ihm aus dem Mund, doch auch das bemerkte er nicht. Inzwischen waren die anderen eingetroffen, Sam und Gordon stürzten zu Mick, während sich Louis dem anderen Mann zuwandte. „Es ist Jimmy Miller. Er ist tot…“. Joey versuchte erneut, aufzustehen und mit Hilfe seines Bruders gelang es ihm dieses Mal. Er lehnte an der Wand und beugte sich vorne über. „Ich habe ihn umgebracht“ flüsterte er. „und ich hab auch den anderen umgebracht, vor Jahren“ – „Es ist vorbei, Joey. Es ist vorbei“ versuchte Mick seinen Bruder zu beruhigen. „Nein, ist es nicht…“ flüsterte dieser.
 
„Mick, Sam“ schrie Louis, „kommt mal her“. Mick wollte Joey nicht alleine lassen. Dieser war wieder auf den Boden gesunken. Gordon und Sam liefen in den nächsten Raum. „Mick!“. Mick schaute seinen Bruder an. Dieser starrte vor sich hin. Ein Arzt war inzwischen bei ihm und wollte sich um ihn kümmern „Hey, ich bin gleich wieder zurück“. Mick verliess den Raum und ging zu den anderen. Der Fernseher lief noch immer und alle standen fassungslos davor. „Mein Gott“ stammelte Mick, als er die Bilder sah. Er wusste, dass Joey diese Bilder auch gesehen hatte. Was musste jetzt in seinem Bruder vorgehen? Alle waren erstarrt ob dieser ungeheuren Brutalität. Louis fasste sich als erster wieder und machte die anderen auf etwas aufmerksam: „Schaut her, hier sind zwei Leute drauf. Es muss noch einen weiteren geben. Den Vater! Wo ist er?“
 
Louis schaute Mick an, dieser drehte sich um und rannte in den Raum zurück. Der Arzt, der eben noch bei Joey gesessen hatte, lag am Boden. „Wo ist er?“, Mick packte den Mann und riss ihn hoch: „Wo ist er?“ - „Er…er ist weg. Und er hat eine Pistole…“.
 
Joey musste es zu Ende bringen. Er hatte gar nicht mitbekommen, was in den letzten Minuten passiert war. Immer wieder sah er die Bilder von Ray vor sich. Der Unfall. Das Blut. Rays Gesicht. Dieser Mann musste dafür bezahlen. Joey wusste, wohin er gehen musste. Er hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten, doch er musste den Kerl umbringen, das war er Ray schuldig.
 
Die Polizisten hatten die Umgebung des Hauses durchkämmt, doch keine Spur gefunden, weder von Joey, noch von Henry Miller. In der Zwischenzeit hatte es angefangen, zu stürmen. Der Regen prasselte nieder und die Wellen schlugen auf. Mick war verzweifelt. Er wusste nicht mehr weiter. Seine Tränen vermischten sich mit den Regentropfen auf seinem Gesicht. Er wusste, dass es um Leben und Tod ging. Er hatte nicht gemerkt, dass Sam nach ihm rief. Zu tief war er in Gedanken, zu gross war die Sorge um seinen kleinen Bruder, der das wichtigste in seinem Leben war. Er konnte sich ein Leben ohne Joey nicht vorstellen, doch wusste er genau, dass es nun genau um das ging. Sam packte Mick am Arm: „Mick, hör mir zu! Wir wissen, wo sie sind! Sie sind bei Toms Grab! Komm schnell. Es ist auf dem Hügel dort oben!“. Mick schaute Sam an und rannte los, so schnell er konnte. Sam und die anderen folgten ihm.
 
Joey stand, zitternd am ganzen Körper, auf der Klippe und hatte seine Pistole mit beiden Händen fest umschlossen. Er hatte sie auf den Kopf des älteren Mannes gerichtet, der nur wenige Meter vor ihm vor dem Abgrund stand. Links des Mannes war das Grab von Tom zu erkennen. Es regnete in Strömen und das Wasser tropfte Joey über das Gesicht. Es war dunkel und nur ab zu erhellte ein nahe stehender Leuchtturm die Szenerie für einen kurzen Augenblick. Mick hatte den Ort des Geschehens zuerst erreicht, gefolgt von Sam, Louis, Gordon und einer Unzahl Polizisten. Mick blieb stehen und gab den anderen ein Zeichen, das gleiche zu tun. Jede unüberlegte oder hastige Bewegung konnte jetzt entscheidend sein. Sein kleiner Bruder stand rund 20 Meter vor ihm, mit dem Rücken zu ihm gedreht und einer Pistole in der Hand. Joey drückte den Finger auf den Abzug. Der Mann vor ihm war weiss im Gesicht und zitterte ebenfalls am ganzen Leib. Joey ging in langsamen Schritten auf den Mann zu. Zwei Meter vor dem Mann blieb er stehen, die Pistole noch immer auf den Mann gerichtet. „Nein Joey, tu es nicht! Er ist es nicht wert!“ hörte er Mick schreien. Joey liefen Tränen über das Gesicht. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Sein sehnlichster Wunsch war, dass dieser Albtraum endlich ein Ende finden würde. Die Polizisten hatten sich inzwischen rund herum postiert. Es herrschte eine Totenstille. Mick konnte es seinem kleinen Bruder nicht verübeln, dass er den Mann, der ihm das alles angetan hatte, erschiessen wollte. Doch wusste er genau, dass das keine Lösung war, denn der Albtraum würde weitergehen. „Joey, bitte, tu es nicht“ flehte er ihn an. Joey drückte den Finger fester auf den Abzug.
 
Plötzlich liess er die Pistole sinken. Er schaute seinem Gegenüber in die Augen. Alle Anwesenden atmeten erleichtert auf, als plötzlich ein Knall die Stille durchbrach. Joey sah den älteren Mann an, der auf ihn geschossen hatte und konnte ein zufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht erkennen. „Das ist für Dich, Tom und das für Dich, Jimmy“, ein weiterer Schuss löste sich und traf Joey erneut.
 
Mick sah, wie sein kleiner Bruder vor ihm auf den Boden sank. Weitere Schüssen durchbrachen die Nacht und Miller sank, ebenfalls getroffen, zu Boden.
Mick rannte zu Joey, der zusammengerollt auf dem Boden lag. Behutsam drehte ihn Mick auf den Rücken und erschrak, als er seinem Bruder ins Gesicht sah. Joey sah furchtbar aus, er war kreidebleich, durchnässt und zitterte am ganzen Leib. Über der linken Augenbraue klaffte eine offene Wunde. Joey hatte die Augen geschlossen, er atmete schwer. Mick hielt ihn fest, Tränen liefen ihm über die Wangen: „Joey, oh mein Gott. Wach auf! Sag doch was“. Mick hielt seinen Bruder in den Armen und bemerkte, dass alles voller Blut war. „Mein Gott, schnell, einen Krankenwagen!“. Sam kniete sich neben Mick auf den Boden, Gordon und Louis standen geschockt daneben. Mick hielt Joey noch immer in den Armen, als dieser die Augen öffnete und zu ihm hochschaute. Mick war erleichtert: „Joey, bleib ruhig, Hilfe ist schon unterwegs. Es wird alles gut“. Doch noch während Mick seinem Bruder Mut zusprach, rann diesem wiederBlut aus dem Mund. Die Minuten vergingen, Mick kamen sie vor wie Stunden. Er hielt seinen kleinen Bruder fest in den Armen; dieser war noch immer bei Bewusstsein und schaute seinen Bruder an. Sam stand hilflos daneben, die Tränen liefen ihr über das Gesicht. Endlich kam ein Notarzt herbeigerannt. Schnell erkannte er den Ernst der Lage. „Wie heisst er?“ fragte der Arzt, doch Mick hörte ihn gar nicht. „Joey“ antwortete Gordon, „er heisst Joey...“. In diesem Moment zuckte Joey vor Schmerzen zusammen, er hatte Mühe, bei Bewusstsein zu bleiben. „Sprechen sie mit ihm“ schrie der Notarzt Mick an, „er muss bei Bewusstsein bleiben!“. Dramatische Sekunden spielten sich im Dunkel der Nacht ab. „Joey, bleib hier, komm schon, schau mich an“; Mick liefen Tränen über die Wangen, „Joey, komm schon, halte durch...es tut mir so leid...“. Joey versuchte, etwas sagen, doch er schaffte es nicht mehr. Er hatte Mühe, überhaupt zu atmen. Die Kräfte verliessen ihn und er schloss die Augen.
 
Mick sass zusammen mit seinen Freunden im Warteraum des Krankenhauses. Er wusste nicht, was mit Joey los war, er wusste nicht einmal, ob er überhaupt noch am Leben war. Auf dem Weg zum Krankenhaus musste er zwei Mal wiederbelebt werden, danach war Mick von ihm getrennt worden. Die Zeit des Wartens wurde immer unerträglicher, es dauerte Stunden, bis eine Schwester auf Mick zukam: „Mr. Barrett, wenn sie mir bitte folgen würden. Der Professor möchte sie gerne sprechen“. Mick folgte der Schwester und seine Freunde blickten ihm besorgt nach. „Das ist kein gutes Zeichen“ kommentierte Gordon die Situation, und sprach damit aus, was die anderen dachten.
 
Mick wurde in ein Zimmer geführt, wo ihn der Oberarzt und zwei weitere Ärzte bereits erwarteten. „Mr. Barrett, bitte setzen sie sich. Wir haben keine guten Nachrichten für sie“. Mick setzte sich auf den Stuhl. „Mr. Barrett, wir haben ihren Bruder operiert. Er hatte einen Lungendurchschuss. Wir mussten einen Teil der rechten Lunge entfernen. Wir haben alles getan, was in unserer Macht stand, aber es steht schlecht um ihren Bruder. Um ehrlich zu sein: seine Überlebenschancen sind sehr gering. Es würde an ein Wunder grenzen. Seine Verfassung ist dermassen schlecht...“. – „Kann ich zu ihm?“ – „Selbstverständlich, ich werde sie hinbringen“.
 
Als Mick die Intensivstation betrat und Joey sah, fühlte er sich so hilflos, wie nie zuvor in seinem Leben. Joey war an unzählige Apparate angeschlossen, Schläuche lagen überall herum, er musste künstlich beatmet werden. Mick setzte sich neben ihn auf einen Stuhl und nahm vorsichtig seine Hand. Er schaute seinen jüngeren Bruder an und er sah so zerbrechlich aus, so jung. Mick stiegen wieder Tränen in die Augen: „Joey, bitte, du darfst mich nicht alleine lassen. Du bist doch alles, was ich habe. Tu mir das nicht an“. In den folgenden Stunden lief Micks und Joeys Leben wie ein Film in Micks Gedächtnis ab. Alle die schrecklichen Dinge, die sie zusammen erlebt hatten, aber auch die guten Zeiten wurden wieder in Erinnerung gerufen. Es wurde fast wieder hell draussen, als eine Schwester hereinkam und Mick ermahnte, endlich zu gehen: „Ihr Bruder braucht dringend Ruhe. Und sie sollten sich auch einmal ausruhen, sonst klappen sie hier noch zusammen. Gehen sie nach Hause und kommen sie in ein paar Stunden wieder.“
 
Mick hatte nicht damit gerechnet, dass Sam, Louis und Gordon auf ihn warten würden, doch er hatte sich getäuscht. Als sie Mick erblickten, kamen sie sofort herbeigeeilt. Sie sahen Mick an, dass es schlecht um Joey stand, und es bedurfte in diesem Augenblick keinerlei Worte. Schweigend verliessen sie das Krankenhaus.
 
Gegen Abend sass Mick wieder an Joeys Seite. Entgegen der Prognose der Ärzte hatte isch sein Zustand leicht gebessert, was sich niemand erklären konnte. Offenbar verfügte der Junge über einen ungemeinen Lebenswillen, trotz allem, was geschehen war. Jedoch war er noch immer nicht bei Bewusstsein: „Ach Joey, ich hab dir das nie gesagt, aber ich bin verdammt stolz auf dich. Weißt du, ich weiss, dass ich nicht immer ein toller Bruder für dich war. Ich habe viele Fehler gemacht. Und dafür möchte ich mich entschuldigen. Weißt du, ich glaube, unsere Eltern wären stolz auf dich. ... Du musst aber auch zugeben, dass wir eine wirklich tolle Zeit hatten. Wir haben viel erlebt, haben die ganze Welt gesehen. Ich will nicht, dass das vorbei ist, Kleiner“. Nach einer Weile schlief Mick erschöpft am Bett seines Bruders ein.
Ein paar Stunden später wachte er wieder auf und als er seinen kleinen Bruder ansah, brachen plötzlich all die Sorgen und schlimmen Ereignisse der letzten Tage aus ihm heraus und er konnte seine Tränen nicht länger zurückhalten. Er sass einfach nur da und weinte, es mussten Stunden vergangen sein, denn draussen dämmerte es schon wieder.
Plötzlich spürte Mick eine Hand auf seinem Arm. Er blickte auf und sah direkt in die dunklen Augen seines Bruders. „Joey?“ stammelte Mick. Joey war noch zu schwach, um zu sprechen, doch er war erleichtert, dass es seinem Bruder gut ging und dass er hier bei ihm war. Mick blickte ihn besorgt an: „Kleiner, dieses Mal war es echt knapp für dich. Tu das nie wieder, verdammt“. Joey sah ihn einfach nur an.
 
In den folgenden Tagen machte Joey kleine Fortschritte und bald konnten ihn auch die anderen besuchen. Er war zwar noch ziemlich erschöpft und hatte noch immer mit den schlimmen Ereignissen der vergangenen Wochen zu kämpfen, was man ihm deutlich ansah. Wenn er alleine war dachte er oft über die Geschehnisse der letzten Tage und Wochen nach. Als Mick ihn wieder einmal, wie jeden Tag, besuchte, wollte ihn Joey auf die Geschehnisse, die sich damals vor Jahren zugetragen hatten, ansprechen. „Mick, es tut mir leid. Ich weiss, dass ich das nie wieder gut machen kann. Ich war damals der Fahrer, und nicht Ray. Ich wollte dich nicht enttäuschen und Ray hat alles auf sich genommen. Ich weiss, ich hätte dir alles viel früher sagen müssen, aber ich hatte Angst, du würdest mich dafür hassen“. Mick liefen Tränen über die Wangen. Er kämpfte um seine Fassung. „Hey, Joey, weißt du, was das Schlimmste war für mich? Dass du mir nicht vertraut hast. Ich weiss, es war damals eine schlimme Zeit, aber ich bin dein Bruder! Ich werde immer zu dir halten! Es war ein Unfall“. Joey war seinem Bruder dankbar für diese Worte, doch er wusste genau, dass er damals einen grossen Fehler gemacht hatte. Und deshalb musste sein bester Freund sterben. Und er hatte überlebt. Mick konnte die Gedanken lesen, die sich sein Bruder machte. „Joey, Du trägst keine Schuld. Diese Männer waren Psychopathen, völlig durchgedreht“. – „Nein Mick. Jimmy war der Bruder von Tom. Was würdest du tun, wenn du an seiner Stelle gewesen wärst?!“. Mick wusste, auf was sein Bruder hinauswollte. Ja, er hätte genau das gleiche gemacht, wäre er an Jimmys Stelle gewesen. Nicht auf dieselbe Art, aber er hätte sich gerächt, wenn ihm das wichtigste in seinem Leben genommen worden wäre.
 
Ein paar Wochen später durfte Joey nach Hause gehen, und darüber war er sehr froh. Denn wenn er eines noch immer nicht ausstehen konnte, dann waren es Krankenhäuser. Zuhause warteten Gordon, Louis und Sam bereits auf ihn und bereiteten ihm einen herzlichen Empfang. Joey freute sich darüber, doch mochte er nicht wirklich feiern. Es war einfach zu viel geschehen. Er verabschiedete sich deshalb bald und verschwand in seinem Zimmer, während die anderen noch zusammensassen. „Armer Kerl“ sagte Gordon nach einer Weile, „der Junge hat es wirklich nicht einfach“. „Wir müssen uns damit abfinden, dass es eine Weile dauern wird, bis er wieder der Alte ist“, antwortete Louis darauf. „Schade. Er war immer so fröhlich“ meinte auch Sam, „Joey war in der Lage, jeden zum lachen zu bringen, egal in welcher Situation. Es tut weh, ihn so zu sehen“. Mick sagte nichts; er sass einfach nur da.
 
Als Sam am nächsten Morgen aufwachte, bemerkte sie, dass Mick nicht neben ihr lag. Sie stand auf und ging ins Wohnzimmer hinunter. Sie sah Mick; er sass auf dem Sofa und hielt einen Zettel in den Händen. „Mick?“, Sam ging zu Mick hin, „hey, was ist los?“. Wortlos reichte ihr Mick den Zettel, und sagte leise: „Er ist weg…“. Sam blickte auf den Zettel: „Mick, es tut mir leid, aber ich muss weg. Such nicht nach mir, bitte. Joey“.
Joey war früh am Morgen aufgestanden. Er hatte einige Kleider zusammengepackt und hatte noch vor Sonnenaufgang die Stadt verlassen.
 
Die folgenden Wochen vergingen und jeden Tag wartete Mick auf ein Lebenszeichen von seinem Bruder. Doch die Tage endeten jeweils ohne Nachricht von ihm. Sam hatte inzwischen ihren Job in L.A. an den Nagel gehängt, denn Gordon hatte ihr und Mick vorgeschlagen, zusammen ein Unternehmen zu gründen. Mick hatte zuerst abgelehnt, denn er wollte nicht ohne seinen Bruder in ein neues Abenteuer starten. Doch er hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, dass er bald wieder zurückkehren würde, wo immer er jetzt auch war. Und ein neues Projekt würde ihn davon ablenken, immer an Joey zu denken.
 
Bald schon stand Micks 38. Geburtstag an und er hatte seine Freunde gebeten, kein Fest für ihn vorzubereiten, denn er war nicht in Partylaune. Zu sehr sorgte er sich um seinen Bruder. Sam konnte ihn trotzdem überreden, wenigstens ein paar Freunde einzuladen. Doch obwohl Mick ausdrücklich gebeten hatte, die Party in einem kleinen Rahmen zu feiern, kamen immer mehr Leute. Mick war der Rummel unangenehm und er zog sich in den hintersten Ecken zurück. „Hey Mick, was tust du hier?“ riss ihn Louis aus den Gedanken. Er setze sich neben seinen Freund und versuchte ihn aufzumuntern, doch Mick liess sich nicht in Festlaune versetzen. Inzwischen waren immer mehr Leute zum Strandhaus gekommen, und die meisten davon kannte Mick nicht einmal. Immerhin liess er sich dazu überreden, zum Buffet zu gehen und seine Torte anzuschneiden. Er stand mit Gordon, Louis und Sam neben dem Buffet und ass ein Stück davon, als es plötzlich still wurde um ihn herum. Sam blickte an ihm vorbei und lächelte und auch Louis und Gordon drehten sich um. Mick befürchtete eine erneute peinliche Geburtstagsüberraschung und fragte genervt: „Was ist denn jetzt?“ – „Hm, ich würde sagen, dein Geschenk ist da…“ antwortete Gordon lachend. Mick drehte sich um: „Ich hab doch gesagt, ich will keine Ge...“. Mick starrte Richtung Stranddünen, langsam ging er ein paar Schritte vor. Er konnte nicht fassen, was er sah. Etwa in 50 Meter Entfernung stand sein kleiner Bruder. „Joey?“, Mick rannte los. Als er bei seinem kleinen Bruder angekommen war, schaute er ihn zuerst an und dann fielen sich die beiden in die Arme. Als Mick seinen kleinen Bruder endlich wieder losliess, liefen ihm Tränen über die Wangen. Joey grinste nur und sagte: „Happy Birthday, altes Haus. Ich dachte, ich kann dich an diesem schlimmen Tag nicht alleine lassen. Jemand muss dir in deinem Alter ja langsam die Treppen hoch helfen“. Mick war überglücklich seinen Bruder wieder zu haben und drückte ihn immer wieder. Inzwischen waren auch Sam, Louis und Gordon herbeigeeilt. „Na, Kleiner“ sagte Gordon gerührt, Louis klopfte ihm auf die Schulter und Sam fiel ihm um den Hals. Da nahm Joey eine Tasche vom Boden auf und nahm etwas daraus hervor: „Hier, Mick, mein Geschenk für Dich. Ich habe ihm eingebläut, dass Du der Chef bist, und nicht ich“. Es war ein kleiner schwarzer Hund, etwa 20 Wochen alt. Mick war gerührt und nahm den Welpen in seine Arme. Er drückte seinen kleinen Bruder immer wieder. Nach einer Weile meinte Joey trocken: „So, genug geknuddelt. Gibt’s auf dieser Party auch was zu essen?“. Die anderen brachen in schallendes Gelächter aus.
Mick schaute seinen Bruder an und war beruhigt, denn dessen Augen hatten wieder dieses einmalige Leuchten.

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